* Rund Europa 2019 (3), 9. Tag: Jēkabpils – Dusetos

Dienstag, 30.07.2019, 19:14:13 :: Dusetos, tief im Wald, zwischen zwei Seen
Mittwoch, 14.08.2019, 19:44:16 :: Raudondvaris

Wir frühstücken wieder am Katzentisch und machen uns dann auf den Weg. Da wir im Stadtteil Krustpils sind machen wir zuvor noch einen Abstecher zum Schloss.

Jēkabpils/Krustpils: Schloss Kreuzburg

Renovierung, kein Zutritt. Schöner Blick auf die Daugava. Alte Bilder nehmen!

Krustpils (deutsch Kreutzburg) liegt am nördlichen Ufer der Dina und gehörte historisch zu Livland, während das südlich gelegene Jēkabpils zu Kurland gehörte. Heute sind sie beide Teile der Stadt Jēkabpils und die gehört zum heutigen Lettland. Uff, das ist deutlich einfacher aber die historisch geprägten Eigenheiten werden immer wieder deutlich und die Menschen legen auch Wert darauf. Wir werde das gleich noch an einem Beispiel kennenlernen.

2010-07-16, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2010-07-16, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2019-07-30, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2019-07-30, Schloss Kreuzburg in Krustpils

Warum hier zwei sehr ähnliche Fotos? Als wir im Juli 2010 hier waren, machte das Schloss Kreuzburg einen gut renovierten Eindruck. Heute gleich das Gelände eher einem riesigen Bauplatz, im Schlosshof, im Park, daneben und dahinter. Warum, ist für uns nicht erkennbar, wir wechseln die Strassenseite und werfen nochmals einen Blick über die Düna, hinüber nach Jēkabpils, also nach Kurland. Aber lassen wir das.

Der Versuch reizt uns einfach: Wir haben uns für den Weg nach Süden eine möglichst kurze Strecke, abseits der Hauptstrassen ausgesucht, wohl wissend, was das bedeuten könnte. Und es bedeutet genau das: Sandpiste.

In Sala am Dorfweiher unterhalten wir uns noch mit dem Schwanenpaar, das aggressiv seine fünft Kinder verteidigen will, obwohl wir doch nur reden möchten …

Dann aber geht’s auf die Piste. Das Wetter ist nicht gerade sonnig, aber immerhin trocken. Und …

… der Sand liegt zunächst noch in hohen Bergen neben der Strasse, aber bald danach die Warnung …

… und da haben wir sie wieder, die Sandpiste.

Und es kommt uns etwas entgegen …

… und hinterlässt etwas, was uns zu starkem Nachdenken anregt. Die nächsten Stunden immer Fenster auf – Fester zu?

Wir disponieren neu und drehen um. Doch feste Strasse, auch wenn es ein Umweg ist. Und so landen wir in

Rubeni

Was kein schlechter Tausch ist, wie sich alsbald heraus stellt.

Zunächst sind wir nur verwundert über das so herrschaftlich wirkende Gebäude im derart angekündigten Park.

Sowas schauen wir uns natürlich an. Zunächst irren wir umher und schauen uns um.

Lis geht in der Hoffnung auf eine Toilette ins Gebäude.

Als sie wieder heraus kommt, spricht uns eine alte füllige Dame mit Fahrrad und Korb am Lenker an, die gerade vor Lis herausgekommen war.

Warum wir hier sind? Ob wir etwas suchen? fragt sie auf Englisch, mit dem sie sichtlich Schwierigkeiten hat, aber immer lächelnd und freundlich. Ob wir Fragen hätten?

Und sie klärt uns auf über den Park, …

… über Rainis, Lettlands wohl bedeutendsten Dichter, Dramatiker, Übersetzer und Politiker, der hier mit einem Monument geehrt wird.

An einer Gedenkwand mit, wie uns eindringlich versichert wird, alten bedeutende Stoffmustern findet sich auch ein Zitat von Rainis.

Oben stehst du wieder!
Geh den Regenbogenpfad hinunter
Sonne durch die Wolken!

Rainis

Ich vermute stark, dass die Dame mit dem Fahrrad die ehemalige Lehrerin vom Ort ist. Bei weiterem angeregtem Fragen und Antworten erfahren wir von Kindern in Amerika oder Australien und Besuchen in Deutschland. Schliesslich verabschieden wir uns und sehen sie dann, wie sie mühsam und langsam ihr Fahrrad die leicht ansteigende Strasse hochschiebt.

Die Kirche von Rubeni

Tage später beim Recherchieren bekomme ich einen Bezug zur Kirche, die wir aus Routine im Vorbeifahren abgelichtet haben.

Sie ist wohl das Ergebnis der Renovierung der Pfarrkirche in Rubeni zu sein.

Auf dieser Webseite ist der Artikel Der Wallfahrtsort Aglona und die Geschichte von Latgalien verlinkt, der Klarheit schafft, weshalb hier eine katholische Kirche steht, mitten im ansonsten lutherischen Lettland:

Lettland gilt bis heute als ein evangelisches Land. Protestantisch waren seit der Reformation die Baltendeutschen und die einheimischen Letten und Liven. Doch neben Hunderttausenden von zugewanderten orthodoxen Russen gibt es in Lettland auch 400.000 Katholiken. Erzbistum und Sitz einer Kirchenprovinz ist die Hauptstadt Riga, wo dem Erzbischof und Kardinal die Suffraganbistümer Liebau (Liepaja), Mitau (Jelgava) und Rositten-Aglona (Rezekne-Aglona). unterstehen. Das Bistum Riga wurde bereits 1918 wiedererrichtet, und zwar vom Nuntius in Polen, Achille Ratti, der später als Papst Pius XI. Riga zum Erzbistum erhob und ihm das neue Bistum Liebau unterstellte. Erst nach der erneuten Unabhängigkeit Lettlands 1991 kamen die Bistümer Mitau und Aglona-Rositten dazu. Die vier Diözesen entsprechen den historischen Provinzen Lettlands. Aber wer kennt heute noch Livland und Kurland? Die Liven sind fast ausgestorben. Einige Hunderte sprechen noch Livisch, das keine baltische, sondern eine finno-ugrische Sprache ist. Kurland war einst ein eigenes Herzogtum, das erst 1795 völlig unter russische Herrschaft fiel. Seine Hauptstadt Mitau heißt heute Jelgava. Rositten im Osten Lettlands trägt heute den Namen Rezekne. Den Doppelnamen Aglona-Rositten verdankt die Diözese dem marianischen Zentrum des Landes Aglona in Latgalien. Dieser Teil Lettlands war bis zur letzten Teilung Polens polnisch und daher katholisch. Hier entwickelte der lettische Stamm der Latgalen oder Lettgaller eine eigene Identität, ja mit dem Latgalischen sogar eine eigene, wenn auch von Lettischen nur geringfügig unterschiedene Sprache.

Der Wallfahrtsort Aglona und die Geschichte von Latgalien

Und aus diesem Artikel erfahre ich auch von der Bedeutung des morgigen Tages, dem 15. August. Mariä Himmelfahrt ist auch hier im Südosten Lettlands ein wichtiger Feiertag mit über 100.000 Wallfahrern.

Link:

Soviel zu den Folgen einer Staubwolke.

Litauen erreichen wir über eine unspektakuläre Grenze.

Die Windmühle und Kirche von Obeliai, 15 km vor Rokiškis, erregen bei mir ein gewisses Aufsehen: Obeliai ist eine Stadt mit gerade einmal etwas über 1000 Einwohnern. Und dann diese Kirche …

Dann aber

Rokiškis

Zunächst besuchen wir die unscheinbare in einem Wohngebiet verborgene Orthodoxe Kirche, die in einer Symbiose mit der Wohnung des Priesters zu leben scheint.

Doch dann kommen wir zu der 1868 bis 1883 errichtete Matthäus-Kirche, die als wichtigstes neugotisches Bauwerk Litauens gilt, widmen. Leider wird im Hauptschiff der Boden renoviert, so dass Vieles unter schwarzen Plastikplanen versteckt ist.

Ein riesiger Platz, ein martialisches Monument und ein gigantisches Backsteingebäude mit danebenlieget Taufkapelle – so jedenfalls unser Eindruck, der uns an Italien erinnert.

Weitere sehr schöne und informative Bilder in Google Fotos.

Nach einem kleinen Imbiss, in einem noch kleinere Lokal am Rande des Platzes …

… fahre ich mit der Osterhäsin zum

wirklich letzten Struvepunkt bei Rokiškes

Diesen weiteren Umweg erzwingt der Besuch des nun wirklich letzten, diesmal litauischen, Struvepunktes.

Litauen hat die Präsentation seine Punkte standardisiert, stelle ich fest, nachdem ich nun auch den letzten kennenlerne.

Alles ist sehr ordentlich, nur die Infotafel, sie könnte eine Renovierung dringend gebrauchen.

Nun geht es aber endlich in die Wälder von Dusetos (gesprochen „Dúsetos“), wo uns ein befreundetes Künstlerehepaar erwartet, das wir von drei Jahren in Zarasai leider nur kurz kennen gelernt haben.

2016-08-11, Zarasai

Wir hatten damals versprochen, dass wir wieder kommen, heute also.

Aber wer nun glaubt, von weiteren Kirchen verschont zu bleiben – noch ist es nicht soweit. Auch Dusetos hat eine sehr schöne solche.

Und solange wir darauf warten, abgeholt zu werden schauen wir sie uns an. Den Weg zu den beiden in den Wald würde wir alleine mit Sicherheit nicht finden. Soviel sei schon mal verraten.

Und dass es dort ein Storchennest gibt. Mit einem fordernden Jungvogel, der gefüttert werden will aber nicht fliegen mag und gestern eine Bruchlandung auf dem Hof gemacht hat. Aber davon und über die Tage im Wald zwischen zwei herrlichen Seen, mit Klohäuschen im Wald, einer rustikalen Unterkunft, viel Kunst und vielem mehr dann in den nächsten Beiträgen.

Wir gehen noch zusammen einkaufen und sind damit für die nächsten Tage gerüstet. Nach einem gemeinsamen Kaffee richten wir uns ein.

Google Fotos

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