* Rund Europa 2019 (5), 3. Tag: Călăraşi (RO) – Russe (BG)

Donnerstag, 05.09.2019, 17:35:15 :: Russe, City Art Hotel
Mittwoch, 23.10.2019, 22:00:28 :: Galanado

Beim Frühstück in unserem Nobelhotel in Călăraşi sitzen wir wie gewohnt alleine. Und wir verlassen es bei sattem Regen, der Tag fängt also erst mal nicht gut an.

Die Stadt ist eine grosse Baustelle, die Kanalisation wird hier wohl eingeführt oder grunderneuert. Und so fahren wir auch urplötzlich über Geröllfelder. Überraschend sind eben immer wieder die Gegensätze, oft auf wenige hundert Meter kommt man vom Dorf in die Hochhaussiedlung, vom k.u.k.-Kietz in moderne Stadtanlagen.

Die Strecke ist subjektiv betrachtet ein einziges Dorf, ständig unterteilt in Abschnitte unterschiedlichen Namens aber gleichen Aussehens, selbst die Kirchen gleichen sich oft wie die berühmten Eier.

Wir fahren immer so 5–10 km nördlich der Donau, zwischen ihr und uns Felder, wenig Wege; dichter heran zu fahren ist wohl nicht möglich, ausser man riskiert mit hoher Wahrscheinlichkeit, zurück fahren zu müssen. Es ist eben Schwemmland, zuweilen durchzogen von Gräben, Kanälen unterschiedlicher Breite und Seen. Also bleiben wir hübsch auf der einzigen Strasse, die nach Westen führt und erahnen den Fluss dort, wo hohe Pappelreihen ihn vermuten lassen.

Der Blick in die Seitenstrassen zeigt uns immer wieder, wie gebrechlich die Infrastruktur ist: Die Hauptstrassen waren früher schlecht bis leidlich, heutzutage sind sie aber in aller Regel gut, Querwege oder Wege in der zweiten Reihe hingegen deprimierend.

Wenn neu (an-)gebaut wird, dann wohl ausschliesslich mit diesen Steinen, die überall gestapelt herumliegen. Ansonsten merkt man, dass der Winter naht.

Und dann werden wir auf halber Strecke mit dem Wetter doch noch glücklich und die Landschaft beginnt zu strahlen und auch die Radfahrer können aufatmen.

So erreichen wir als ersten grösseren Haltepunkt Giurgiu am Nordufer der Donau.

Giurgiu

Erst hier in Giurgiu sehen wir die Donau wieder. Zunächst aber finden wir dort unverhofft die Taverna La Grecu und essen dort zu Mittag. Die Chefin ist Griechin, der junge Mann, der uns bedient, hingegen Rumäne. Mein Kaliméra geht demzufolge voll daneben beziehungsweise ins Leere, was sein fragender Blick peinlich zum Ausdruck bringt.

Giurgiu war bis zum Beginn des 2. Weltkriegs Haltepunkt für den Orientexpress, in den Jahren davor sogar Endstation auf der ältesten Strecke des Zuges. Man musste den Zug verlassen, mit der Fähre nach Russe übersetzen und von dort aus die Bahn nach Warna nehmen. Von dort ging es dann weiter auf dem Schwarzen Meer nach Konstantinopel. Die Freundschaftsbrücke, über die wir nachher komfortabler ans andere Donauufer nach Russe gelangen werden, existiert nämlich erst seit 1954.

Die Geschichte des Orientexpress‘ ist spannend, wie die Karte unten zeigt. Es lohnt sich, ein wenig lesend beziehungsweise schauend zu verweilen in Agatha Christies Krimi Mord im Orientexpress: Ein Fall für Poirot, den es auch in einer hervorragenden Verfilmung gibt …


Quelle: Wikipedia

Bei der Fahrt zur und über die Freundschaftsbrücke wird am Rumänischen Zoll zunächst offenbar, dass wir in Rumänien ein Vignette für alle Straßen hätten kaufen müssen. Die Strafe beträgt eigentlich 150 €, was natürlich heftig ist. Ein junger Beamter, immer freundlich, macht einen deal: 50 € und wir dürfen passieren, nicht ohne den Hinweis, dass für Bulgarien ebenfalls eine Vignette erforderlich ist; was wir aber von früher wissen.

Russe

Warum ich Russe besuchen wollte muss ich erklären. Karl-Markus Gauß‘ Bücher sind mir sehr wertvoll, wenn es um die Geschichte Osteuropas und die dortigen Minderheiten geht.

Aus einem Interview des Standard mit Karl-Markus Gauss

STANDARD: Die Literatur, Ihre, reagiert auf diese unterschiedlichen Sichtweisen. Der slowenische Autor Drago Jancar hat einmal geschrieben, er kenne keinen zweiten Autor, der die „reale und die imaginäre Grenze zwischen dem Osten und Westen Europas so leicht überwindet“ wie Sie. Wie gelingt Ihnen das?

Gauß: Sofern es mir überhaupt gelingt, dann dadurch, dass ich mir mein Europa reisend in Büchern und in Ländern, also in der Imagination und in der Wirklichkeit, zu erkunden versuche. Ich bin an der Geschichte mit ihren Widersprüchen, aber auch am Augenschein, an der unmittelbar wahrzunehmenden Welt interessiert. Und es reizt mich nur dann zu schreiben, wenn ich mich zu einer Region und ihren Menschen, gleich wo, in eine persönliche Beziehung setzen kann. Ich finde, wenn ich es so sagen darf, dass die Welt überall ziemlich originell ist. Übrigens auch in Estland, aber sicher nicht deswegen, weil dort die Digitalisierung des Alltags am weitesten in ganz Europa fortgeschritten ist.

Meine geistige Gegenwart reicht vielleicht zehn, zwanzig Jahre voraus, aber 200, 300 Jahre zurück. Ausgerechnet in einer Zeit, in der wir technologisch den größten Zugriff auf Informationen über die ganze Welt haben, hat uns ja die globale Amnesie ergriffen. Gegen sie beharre ich starrsinnig auf der Bedeutung von Wissen und historischer Bildung. Ich bin kein Vordenker. Vielleicht manchmal ein Nachdenker. Vor allem aber bin ich ein Liebhaber der Welt, und wer ein Buch von mir liest, soll das ruhig merken. (INTERVIEW: Gerhard Zeillinger, 1.7.2017)

Karl-Markus Gauß: „Europäer wissen wenig von Europa“

 

Als ich Anfang 2017 20 Leva oder tot – Vier Reisen las, stiess ich u.a. auf die Städte Widin und Russe an der Donau. Danach war klar: Diese Städte will ich besuchen. Nun, heute also sind wir hier in Russe; mehr ist dieses Jahr nicht mehr drin.

Der Orientexpress und Europa

Dass in Russe, anders als auf der anderen Donauseite in Giurgiu, der Begriff »Europa« nochmals eine eigene Bedeutung hatte (und offenbar noch hat), zeigt ein Zitat:

Elias Canetti, der seine ersten fünf Jahre in Russe verbrachte, schrieb in seinen im Alter verfassten Erinnerungsbüchern, die ihm jenen Ruhm einbrachten, den er für sein Frühwerk verdiente, ebendies: dass die Leute, wenn einer Russe verließ und die Donau aufwärts fuhr, von ihm sagten, er fahre nach Europa. Hundert Jahre später war es noch immer so, und auch der Kellner, der achtsam auf Deutsch nach unseren Wünschen fragte, war einst aufgebrochen, um sein Glück in Europa zu suchen. Er fand es in Osnabrück, aber es war nicht ungetrübt, sodass er wieder heimkehrte. Was ihm von Deutschland geblieben war? »Mein Deutsch ist schlecht, aber mein Opel ist gut.«

Karl-Markus Gauß: Zwanzig Lewa oder tot. Paul Zsolnay Verlag

Wir finden in Russe nach eigene Runden (das GPS spinnt total in diesen Straßen) schließlich das City Art Hotel, ein Glücksfall, wie sich schnell herausstellt. Es liegt günstig zum Stadtzentrum, beherbergt ein Chinesisches Gartenrestaurant für den Abend und ist spannend restauriert.

Stadtrundgang

Nach dem, was ich bei Gauß über die Stadt erfahren habe, bin ich natürlich gespannt, als wir uns am frühen Abend aufmachen zur Stadterkundung. Sie lohnt sich. Welcher Unterschied zu Călăraşi am Abend zuvor! Die Stadt hat südliches Flair, ist voller Leben, der Park und die Strassen sind voller Erwachsener mit vielen Kindern. Es fühlt sich schon fast wie Griechenland an.

Die prachtvollen Gebäude sind fast durchgehend prächtig restauriert, nur an wenigen Stellen gähnen uns leere Fensterhöhlen entgegen.

Das Abendessen lassen wir uns dann im schon erwähnten Gartenlokal im Hinterhof unseres Hotels schmecken.

Links:

  • Inge Morath: Donau. Mit einem Essay von Karl-Markus Gauß :: „Die Einführung von Karl-Markus Gauss ist ein Meisterstück der Essayistik; auf knappstem Raum vermag er es, Mythos, Geschichte und Realität der Donau zu veranschaulichen, dieses Stroms, der allem Nationalstaatentum widerspricht, selbst wenn er nicht mehr wie einst Abendland und Morgenland verbindet.“ Taja Gut, Neue Zürcher Zeitung

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