An Tagen wie heute…

…merkt man, was ein nordischer Hochsommer ist: Sehr warm, schwül, mehr als 30°C, der Wind warm, aus Südosten, die Menschen gehen endlich an den See zum Schwimmen – so wie wir das jeden Morgen tun, wenn’s nicht scheusslich ist. Und von wo ich gerade komme. Das Wasser ist oberflächlich warm, tiefer deutlich kühler, braun wie immer, der modrige Geruch stärker; die Sonne bringt die ufernahen Pflanzen- und Schlammschichten »zum Kochen«. Die Teich- und Seerosen und Froschlöffel sind verblüht, langsam zeigen sich die Rohrkolben. Aber die Wasserpest u.a. blühen noch.

Es ist ein See, wie ich ihn aus meiner Kindheit noch kenne, wie ich mir damals als Kind und Jugendliche gewünscht habe und selten hatte: noch Teich, mit vielen Pflanzen und Tieren. Hier gibt’d das noch – fast wie im Märchenbuch.

Wären da nicht…

…all die Chips- und Plastiktüten, die Krohnkorken, Plastik-, Bier- und Wodkaflaschen, die Kippen, Zigarettenschachteln, leeren Feuerzeugen… Sie alle liegen (und schwimmen z.T.) überall auf den angrenzenden Wiesen und im flachen Wasser, auch vor der Bank direkt am Steg, zuletzt garniert mit grossen Schuppenstücken eines grossen Fisches – dort wohl nachts verspeist von den zechenden Jugendlichen. Man weiss nie, was am nächsten Morgen rumliegt.

Heute morgen noch eine grosse Decke, auf der gestern Abend die Jugendlichen gelagert hatten. Teller und Weissbrot darauf, alles überdeckt von leeren Flaschen; Bier geht hier u.a. in 2-Liter-Plastikflaschen. Heue Nachmittag fehlte die Decke, der Teller und das Brot…

Der Alkohol…

…ist in Litauen ein enormes Problem, häufig gekoppelt an die höchste Selbstmordrate Europas. Derzeit wieder besonders schlimm aus folgendem Grund: Die Wiesen stehen hoch, das Gras, teilweise schon fast Heu, muss jetzt gemäht und geholt werden. Unsere Freunde brauchen es als Winterfutter für den Pferdehof.

Nun sollte man meinen bei der enormen Arbeitslosigkeit, gute Zeiten für Tagelöhner. Stimmt. Nur nicht so, wie wir denken. Arbeiten wollen sie nicht, sie haben das Land. Und unsere Freunde können dort das Gras holen. Gegen Geld. Und das, das setzen die Männer direkt in Wodka um. Rüber zum Büdchen, Plastiktüte beladen und ab in den Wald. Dort wird dann so heftig gezecht, dass unsere Freundin abends ihren 14-jährgen Sohn nicht mehr mit dem Fahrrad zur Oma ins Nachbardorf fahren lassen kann. Zu gefährlich…

Und so mischen sich…

…unter die Freude über dieses eigentlich kuschelige Dorf

Idylle in Raudondvaris

mit seinem See und seinem Pferdehof das Gefühl des Verwahrlosten, der Hoffnungslosigkeit, der Vergeblichkeit. Denn ein Plastiksack am Seeufer z.B., gedacht für Abfall, ist leer. Alles liegt daneben. Und eines Morgens ist er weg…

Un am Wochenende…

…ist Ponywettreiten. Da kommen Gäste. Da muss es ordenlich sein im Dorf. Also gingen heute morgen Männer und Frauen, versehen mit Handschuhen und blauen Plastiksäcken los und sammelten lustlos mal hier, mal dort irgenwelchen Abfall auf. Schnell trafen sie sich vorne an der Haupstrasse unter den schattigen hohen Bäumen um aber bald wieder mit leeren Säcken nach Hause zu gehen.

Eigentlich sieht’s aus wie vorher…

Technorati Tags: , , , ,

Dieser Beitrag wurde unter Kultur + Gesellschaft, LT, Norden2007 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar