Riga erreicht… (2)


Links aller Riga-Beiträge:


Bevor wir uns vom Schloss und seiner Pracht trennten, hatten wir nur einen Wunsch: Etwas zu trinken, sitzen, entspannen. Aber die beiden schlosseigenen Lokalitäten – Restaurant und Café – waren mir nicht kühl genug: Wind, Wind, Wind… Und so landeten wir im Schlossgarten im Schatten eines Zeltes, Lis besorgte Nasses und Piroggen und damit besserte sich mein Zustand erheblich. Apropos Garten: Die eigentliche Gartenanlage wird derzeit aufgebaut – ganz wie in Versailles, nur ein winziges Nümmerchen kleiner. Sie war wohl noch nie so richtig fertig…

Von Rundale nach Jelgava

Nach Bauska mit seiner Riesenruine, die sich hinter dicken, gras- und baumbeckten Erdwällen zwischen den Flüssen Memele und Mūsa versteckt und dem Superschloss Rundale ging es gestärkt weiter über Eleja (wo, wie berichtet, ein deutsche KZ stand) nach Jelgava, der ehemaligen Hauptstadt Kurlands. Dort findet man nochmals eine riesige borock-klassizistische Schlossanlage.

Jelgava

Ein Wunder eigentlich, da Jelgava im 2. Weltkrieg durch deutsche und russische Truppen zu 90% zerstört wurde; die Front wurde mehrfach »drüber weg« geschoben…

Jedenfalls fragt man sich unwillkürlich, weshalb der Herzog meinte, neben diesem in Jelgava auch noch das in Rundala zu benötigen. Aber die Frage ist müssig: Andere Herzöge waren da auch nicht besser (siehe Stuttgart und Ludwigsburg oder Karlsruhe und Bruchsal). Aber es wir einem klar, welche und wessen Macht hier oben in Lettland gehalten wurde, von Alters her: Kreuzritter, Handelswege, Herzogtum Litauen, Königreich Polen, zaristisches Russland…

Da befinden wir uns vermeintlich an der Peripherie der EU (des »gültigen« Europas), erlebt diese Demonstration einstiger Macht und es kommt mir wieder das von Litauen reklamierte Zentrum Europas in den Sinn, 200 km südlich von hier, im Norden von Vilnius. Und die Frage: Wo und was war Europa? Was ist es heute? Und was soll es sein? Denn wenn man beachtet, dass jedes »Zentrum Europas« im Osten liegt (Ukraine, Polen, Litauen), dann rückt einem das die Wirklichkeit doch wieder etwas zurecht…

Das Schloss jedenfalls ist beherrschend; sie haben es weitgehend heil gelassen, die Truppen. In ihm befinden sich dem sich neben Verwaltungsinstanzen auch die Fakultät für Informatik der ehemaligen »Academia Petrina«, der ersten lettischen Bildungseinrichtung, die sich heute »Universität« nennt. Was unsere Freundin in Riga bedauert. Sie hat noch in der Academia studiert und erzählte uns vom »wilden Studentenleben« in Jelgava (Jélgava betont). So kamen dann Historie und Gegenwart am Abend in Riga zusammen…

Riga – nicht für Touristen

Einer der vielen Vorteile (wenngleich nicht der wichtigste…), Freunde in der Fremde zu haben, ist der, dass man auch Dinge zu sehen bekommt, wo der Touristentross nicht hinkommt. Davon dann gleich. Nachdem wir die letzte Strecke von Jelgava nach Riga gemeistert hatten und auf »unserem« Parkplatz gelandet waren, suchten wir umgehend »unser« Café vor der Pētera baznika auf. Einen Salat wollte ich und was Kaltes zu Trinken. Dringend. Es gab keinen Salat, obwohl die Speisekarte überquoll davon. Also nur was zu Trinken. Nach einer Weile entschloss ich mich zu einem Bananensplit. Es gab kein Eis. Ohne Begründung.

Was uns unsere Freundin abends bestätigte: Riga ist eine Touristenstadt geworden, in der die Touris (vorzugsweise Engländer, Norweger, Schweden, neuerdings auch Russen aus Russland…) den Betreibern der Ess-, Sauf- und Huren etablissements aus der Hand fressen – besser saufen. Sie können sich alles erlauben. Es sind fast durchweg Wochenendsäufer, die in Riga landen, mittlerweile nicht mehr mit der Fähre sondern mit dem Flieger. Die Preise steigen ins Unermessliche – leider auch für den weniger begüterten Teil der Bevölkerung, den es nach wie vor in der Metropole zieht, weil es auf dem Land keine Arbeit gibt.

Soweit so schlecht. Als unsere Freundin uns dort aufgabelte, hatten wir also nichts gegessen; Spaghetti an Irgendwas schien uns nicht angemessen bei der herrschenden Temperatur. Wir einigten uns zunächst auf eine Tour durch die no-go-areas von Riga. Vorteil: Man geht dort als Nicht-Bewohner nicht zu Fuss, bei Tag nicht und erst recht nicht am Abend oder in der Nacht. Das kam uns bei der immer noch hohen Temperatur direkt entgegen. Und so fuhren wir durch »Klein-Moskau«, einen Stadtteil, in dem vorzugsweise sozial Schwache wohnen, Ausgestossene fast – Russen, Zigeuner… Kein Rigaer Bürger geht dort hin, geschweige denn zu Fuss oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Klein-Moskau

Klein-Moskau 2

Es ist bedrückend, wie die Menschen dort leben. In einer Stadt, die viel mehr als Vilnius auf der einen Seite boomend abzischt und den »Rückstand« vergiesst. Irgendwann wird auch dort »saniert« werden, die Grossbaustellen der Büroriesen rücken schon näher. Die Grundstücks- und Wohnungspreise klettern in Grössenordnungen, die ein Normalverdiener kaum verkraftet. Man teilt sich eine kleine Zweizimmerwohnung zu zweit. Aber selbst das werden sich diese Menschen nicht leisten können.

Weiterhin besuchten wir Strassenzüge des ehemals jüdischen Viertels, wo die alten Holzhäuser teils wunderschön renoviert sind, wo jugendstilartige Häuser darauf warten, wieder zu strahlen.


Nach einer Fahrt (als Kontrastprogramm sozusagen) durch die im Wald und am See gelegenen Wohngebiete der Reichen und Superreichen und einem abendlichen Spaziergang im Park rund um die »Musikarena«


gab’s dann endlich was zu essen: Ein Restaurant, bestehend aus lauter kleinen Häuschen rund um einen kleinen Plätschrteich, das war genau richtig.

Und nach langen Gesprächen, auch zu unseren Plänen für den nächsten Tag ging’s dann erschöpft in die Heia, nachdem der Versuch, das Erlebte noch im Internet abzuliefernkläglich scheiterte……

Links aller Riga-Beiträge:

Technorati Tags: , , ,

Dieser Beitrag wurde unter LT, LV, Norden2007, Reisen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.