Ach.

Was wir schon immer wussten aber nicht zu wissen wagten: Der Kassenpatient wartet länger auf einen Termin als der Privatpatient.

Im Schnitt. Und ich dachte immer, die Frage »Sind Sie privat versichert?« am Telefon hätte andere Gründe. Wem man nun die Schuld geben soll für das gewollt wirtschaftliche Verhalten der Ärzte, das ist nun noch schwieriger. Denn warum sollte ich als Arzt nicht erst mal den einbestellen, der abrechnungsmässig potenter ist? Unterstellen wir weiter, dass im Falle medizinischer Notfälle das Prinzip nicht gälte, dann müssen wir nur noch klären, wie ich den Notfall am Telefon einer genervten Sprechstundenhilfe plausibel ans Herz legen kann.

Aber es ist nun mal so und so wollen wir’s doch: Wir kaufen beim Spionier-LIDL und beim Ansteh-ALDI, weil’s billiger ist und wenn wir unseren alten Gebrauchten loswerden wollen, dann kriegt ihn der, der mehr bietet.

Im Schnitt. Oder eigentlich doch immer, oder?

Äba d’rom.

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9 Antworten zu Ach.

  1. reinard sagt:

    Interessante Vorschau auf das, was so kommen könnte:

    telepolis: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27693/1.html :: Subsystem einer „Zwei-Klassen-Medizin“

  2. tw sagt:

    Bei einer reinen Terminvereinbarung darf nichts abgerechnet werden. Das widerspricht der GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte).

  3. reinard sagt:

    @alle: Ich denke, die „Kundenakquise“ müsste in den Honoraren drin sein. Es ist dasselbe Problem wie z.B. mit der Waschmaschine: Ich lasse mich im Fachgeschäft beraten und kaufe dann beim Billigheimer. Gesellschaftlich ist das Verfahren der sichere Tod. Und wenn man dieses Verfahren auf das Gesundheitswesen überträgt – erst recht.

    Da also politisch gewollt ist, Gesundheit selbst und Gesundheitsleistungen als Ware zu sehen, werden wir beim Health-Metro enden, den nur der betreten darf, der »das Kärtchen« hat – und zahlen kann.

    Politisch denkende und handelnde Massen könnten das ändern, s.o. …

  4. Günther Sch. sagt:

    Reinard, da hast du ein heißes Eisen angefasst. Das zeigen die vielen Reaktionen. An die Meinung von „tw“ anzuschließen wäre noch: Wenn ich beim Arzt anrufe und mich anmelde, dann hat er selbst noch nichts gemacht. Dafür bezahle ich aber als Privatpatient die sog. „telefonische Beratung“ von etwa 12 €. Ist das in Ordnung ?

  5. Gunter sagt:

    Die PolitikerInnen endlich abzustrafen ist eine Möglichkeit, die leider zu wenig genutzt wird.

    Die Ärzte sollten sich aber in den eigenen Reihen umschauen, wen sie abstrafen könnten. Da wären ja vielleicht die Kassenärztlichen Vereinigungen! Oder die Kollegen bestimmter Fachrichtungen, die sicher auch nicht mehr arbeiten als die Allgemeinmediziner, aber finanziell erheblich besser dastehen. Da scheint ja die Verteilung nicht richtig zu funktionieren. Oder die Ärzte, die mit Pharmaindustrie und Apothekern ihre krummen Geschäfte machen (sicher nur eine Minderheit) und damit nicht nur dem Ruf der Ärzteschaft insgesamt schaden, sondern auch den Patienten bzw. dem ganzen Gesundheitssystem.

  6. Eckhard sagt:

    Der Praktische Arzt gehört seit Jahren zu den Verlierern der Gesundheitsreformen. Nicht wenige Praxen mussten aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Aus dieser Sicht erscheint es logisch, dass der Arzt bzw. seine Angestellten auf Privatpatienten mit höheren Einnahmen achten.

    Der Wähler hat es versäumt, die Politik für die jahrzehntelange desolate Politik abzustrafen, insbesondere der Politik im Gesundheitswesen mit der einseitigen Förderung der Pharma-Industrie.

    Solange es nicht üblich ist, Politiker aus dem Parlament zu weisen, wenn Fehlleistungen nicht übersehbar sind, dann werden wir solche Verhältnisse haben, die sich noch allenfalls verschlimmern werden. Nur wenn es ein Risiko gibt, werden sich Politiker ändern, insbesondere die mehr als 60 % Beamten und Berufspolitiker.

    Also: Abwählen der Versager ist angesagt. Da hilft auch nicht die Wiederholung der völlig falschen Auffassung, dass es die Anderen auch nicht besser können. Es geht vielmehr darum, zunächst einmal die bisher Verantwortlichen auch zur Verantwortung zu ziehen. Und wenn der Politiker damit rechnen muss, wird sich sein Verhalten ändern. Das gilt insbesondere für den einfachen Abgeordneten, der über die Landeslisten nicht besonders komfortabel abgesichert ist.

    Wenn das bereits auf Kommunalebene als normale Reaktion der Bürger sich einstellen würde, dann gäbe es Bewegung in der Politik und die Ärzte könnten sich wieder wie Ärzte verhalten.

  7. tw sagt:

    Seit Januar gibt es eine neue Gebührenordnung für gesetzlich Versicherte. Hierbei gilt: die Versichertenpauschale (um 1000 Punkte) deckt bis hin zum EKG alles ab. Der poplige Allgemeinarzt kann dann noch Lungenfunktion, Langzeitblutdruckmessung, Ultraschall und Vorsorgeuntersuchungen extra abrechnen. Für chronisch Kranke, die dauernd Behandlung benötigen, gibt es einen Zuschlag (um 500 Punkte).

    Das Ganze wird konterkariert durch die Fallzahlpunktgrenze (um 850 Punkte). Das bedeutet: Egal wieviel man arbeitet, egal wie oft der Patient im Quartal kommt, egal wieviele Untersuchungen durchgeführt werden, es gibt 850 Punkte pro Patient.

    Setzt man den bisherigen Punktwert von etwa 3,7 Cent an, heißt das: Der Arzt bekommt pro Patient um die 31 € im gesamten Quartal!

    Der durchschnittliche Allgemeinarzt in BaWü hat etwa 850 Kassenpatienten im Quartal. Das Kassenhonorar würde dann bei etwa 26000 € liegen. Das reicht nicht mal für die Betriebskosten.

    Nun wird seitens der abrechnenden Kassenärztlichen Vereinigung behauptet, die Fallzahlpunktgrenze diene dazu, den Punktwert hochzufahren. Allerdings erfährt der Arzt erst im Juli, wieviel er im Januar verdient hat und ob er seine Betriebskosten bezahlen konnte. Interessant, oder?

    Die KV meint dann auf Nachfrage: „Das sehen wir dann im Juli, wieviel da rauskommt.“ Das nenne ich großzügige Planungssicherheit!

    Nebenbei bemerkt: Ich rede hier von einem Job mit 60-70 Wochenstunden mit den Vorausstzungen: 13 Jahre Schule, Abitur, 6 Jahre Studium (ohne Wartezeit), mindestens 4 Jahre Assistenzzeit in der Klinik, Investitionsvolumen 300-500000 DM, Verantwortung für Patienten, Personal und – nicht zuletzt – die eigene Familie.

    À propos, ich vergaß!
    Der Privatpatient kommt, lässt ein kleines Wehwehchen anschauen, bekommt was dafür und bezahlt dafür dann etwa 20 €!
    Das darf ich dann ein königliches Honorar nennen. Im Vergleich zur Kasse ist es das wirklich.

    Wie heißt doch diese beliebte Sendung in der Glotze?
    Ah ja – Wie würden Sie entscheiden?

    PS: Ich mach trotzdem weiter, ich hab schließlich nix gscheits gelernt – und außerdem ist es der schönste Beruf der Welt!

  8. Gunter sagt:

    Vielleicht muß man dann erst recht warten, weil die Sprechstundenhilfe spontan zum Herzinfarktnotfall wird ob dieser unverschämten Anmaßung!

  9. Gunter sagt:

    Man könnte doch einfach am Telefon sagen, man sei Privatpatient. Das geht natürlich maximal einmal. Maximal deshalb, weil man nicht weiß, wie die genervte Sprechstundenhilfe reagiert, wenn man ihr dann das Krankenkkassenkärtchen hinhält und der Schwindel auffliegt.

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