George Friedman, Gründer von STRATFOR, erklärt uns die US-Politik

Dienstag, 01.03.2022, 18:40:15 :: Naxos

Die Situation in Europa ist durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine katastrophal. Die Reaktion im Westen und teilweise in den betroffenen Ländern ist emotional und im ersten Moment verständlich. Krieg in Europa konnten sich nur wenige vorstellen, ausser sie haben den herbei gebombten Zerfall Jugoslawiens noch im Hinterkopf.

Ich habe mir die Mühe gemacht, die deutschen Untertitel des am Ende angefügten Videos von YouTube heraus zu ziehen und als unkommentierte Zitate nachfolgend aufgeführt. Das Video selbst muss man dennoch ansehen, die 15 Minuten müssen sein.

Alles zusammen bringt hoffentlich etwas Ordnung in das gedankliche und emotionale Chaos, denn es zeigt unmissverständlich, wo dieses Chaos geplant wurde. Europa ist Geisel, nicht Russlands sondern der Vereinigten Staaten von Amerika. Es kann keine Zweifel geben.

***

George Friedman ist Gründer und ehemaliger Chef von Strategic Forecasting, Inc (abgekürzt STRATFOR), ein führender, privater US-amerikanischer Think Tank, der die Analysen, Berichte und Zukunftsprojektionen zur Geopolitik, zu Sicherheitsfragen und Konflikten in aller Welt anbietet.


Ãœber das „Hauptziel der USA“, nur etwas diplomatisch und verschleiert, aber dennoch unmißverständlich

Also, das urzeitliche, urweltliche Interesse der Vereinigten Staaten, wofür wir, seit Jahrhunderten die Kriege führten – erster und zweiter Weltkrieg und kalter Krieg – waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland.

Weil vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann, und unser Interesse war es, sicherzustellen, dass das nicht geschieht.

Wenn Sie ein Ukrainer sind, ist es lebenswichtig für Sie das einzige Land zu erreichen, das Ihnen helfen wird und das sind die Vereinigten Staaten.

So, die Vereinigten Staaten, und jetzt, gestern haben die Vereinigten Staaten bekannt gegeben, dass sie Waffen (an die Ukraine) liefern werden. Heute Abend haben sie es natürlich bestritten, aber sie liefern, die Waffen werden geliefert.

Und bei all diesen Handlungen agieren die Vereinigten Staaten außerhalb‘ der NATO. Weil, NATO-Entscheidungen müssen 100% einstimmig getroffen werden und jeder NATO-Mitglied kann ein Veto einlegen.

Der Punkt ist, dass die Vereinigten Staaten sind dabei, ein „Cordon Sanitaire“ („Sicherheitsgürtel“) um Russland herum aufzubauen. Und Russland weiß es.

Russland glaubt, dass die Vereinigten Staaten vorhaben, die Russische Föderation zu brechen. Ich denke, es war Peter Lory (oder Lorre), der gesagt hat: „Wir wollen Sie nicht töten, wir wollen Ihnen nur etwas weh antun!“

Jedenfalls sind wir zurück zum alten Spiel, und wenn Sie einen Polen oder einen Ungar oder einen Rumänen fragen, …

… sie leben in einer völlig anderen Weit als die Deutschen, und die Deutschen ihrerseits leben in einer völlig anderen Welt als die Spanier. Also in Europa gibt es keine Einigkeit.

Aber wenn ich ein Ukrainer wäre, würde ich genau das tun, was sie tun: versuchen die Amerikaner einzubeziehen.

Die Vereinigten Staaten haben ein grundsätzliches

Interesse – sie kontrollieren alle Ozeane der Welt, keine Macht hat das zuvor jemals getan.

Aufgrund dieser Tatsache können wir überall auf der Welt bei den Völkern einfallen, und sie ihrerseits sind nicht in der Lage uns anzugreifen. Das ist eine sehr schöne Sache.

Die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Ozeane und im Weltall ist das Fundament unserer Macht. Der beste Weg die feindliche Flotte zu besiegen, ist, zu verhindern, dass diese überhaupt gebaut wird.

Der Weg, den die Briten gegangen sind, um sicherzustellen, dass keine europäische Macht die Flotte bauen konnte, war es, die Europäer gegen einander kämpfen zu lassen.

Die Politik, die ich empfehlen würde, ist die, die Ronald Reagan in Bezug auf den Iran und Irak angewendet hat.

Er unterstützte finanziell beide Kriegsseiten, sodass sie gegen einander kämpften (der Iran-Irak-Krieg 1980-88) und nicht gegen uns.

Es war zynisch, es war sicher nicht moralisch, aber es funktionierte.

Und das ist der Punkt: die Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage ganzes Eurasien zu okkupieren. In dem Moment, wo unsere Stiefel den Boden berühren, sind wir demographisch zahlenmäßig total unterlegen.

Also, wir sind nicht in der Lage, überall militärisch zu intervenieren, aber wir sind in der Lage in erster Linie, die gegen einander kämpfenden Mächte zu unterstützen, damit sie ihre Aufmerksamkeit aufeinander lenken.

Wir können eine Armee zerschlagen, aber wir sind nicht in der Lage den Irak zu besetzen.

Aber wenn wir die US-Truppen schicken, dann müssen wir die genauen Aufgaben unserer Mission gut verstehen, die Mission in Grenzen halten und keine psychotischen Phantasien zulassen.

Aber Sie haben absolut Recht, wir als ein Imperium können das (überall intervenieren) nicht tun: Die Briten damals haben Indien nicht besetzt, sie haben einfach die einzelnen Staaten Indiens genommen und ließen sie gegen einander kämpfen.

Die alten Römer haben auch keine riesengroßen Truppen in entlegene Regionen (außerhalb des Römischen Imperiums) entsandt, sondern sie haben (prorömische) Könige dort eingesetzt.

Die Frage, die jetzt für die Russen auf dem Tisch ist, ist, ob die Russen die Ukraine als eine Pufferzone zwischen Russland und dem Westen halten werden können, die wenigstens neutral bleiben wird, …

… oder wird der Westen so weit in die Ukraine eindringen, dass der Westen (NATO) nur 100 Kilometer von Stalingrad und 500 Kilometer von Moskau entfernt sein wird.

Für Russland stellt der Status der Ukraine eine existenzielle Bedrohung dar.

Und die Russen können bei dieser Frage nicht einfach so weggehen bzw. loslassen.

Für die USA gilt im Falle, wenn Russland sich an der Ukraine weiterhin festhält – wer wird Russland stoppen?

Deshalb ist es kein Zufall, dass der General Hodges, der für all das als verantwortliche Person ernannt wurde, davon spricht, dass die Eingreiftruppen in Rumänien, Bulgarien, Polen und im Baltikum aufgestellt werden sollen.

Und die Sache, worauf wir keine Antwort parat haben, ist die Frage, was Deutschland in dieser Situation unternehmen wird.

Die echte unbekannte Variable in Europa sind die Deutschen – wenn die USA diesen Sicherheitsgürtel aufbauen, nicht in der Ukraine, sondern zum Westen hin, …

… und die Russen werden versuchen, Einfluss auf die Ukrainer zu gewinnen – wir wissen nicht, wie deutsche Haltung darauf ausfallen wird.

Deutschland befindet sich in einer Sehr eigenartigen Lage. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder ist im Vorstand von Gazprom. Die Deutschen haben ein sehr komplexes Verhältnis zu den Russen.

Die Deutschen wissen selbst nicht, was sie tun sollen. Sie müssen ihre Waren exportieren, die Russen können ihnen die Waren nicht abnehmen. Andererseits verlieren sie Freihandelszone (mit Russland), und dann müssen sich die Deutschen was anderes einfallen lassen.

Für die Vereinigten Staaten ist die größte Urangst, dass russisches Kapital, russische Technologien … ich meine, deutsches Kapital und deutsche Technologien, …

… und die russischen Rohstoffe und die russische Arbeitskraft sich zu einer einzigartigen Kombination verbinden, die die USA seit Jahrhunderten unheimlich die Angst einjagt.

Also, wie kann man das erreichen, dass diese (deutsch-russische) Kombination verhindert wird? Die USA haben ihre Karten auf den Tisch offen gelegt: das ist die Linie zwischen dem Baltikum und Schwarzem Meer.

Für die Russen ihre Spielkarten lagen schon immer offen auf dem Tisch – die Russen wollen wenigstens eine neutrale Ukraine haben, keine prowestliche.

Nun, wer mir eine Antwort darauf geben kann, was die Deutschen in dieser Situation tun werden, der kann mir auch sagen, wie die nächsten 20 Jahre Geschichte aussehen werden.

Aber unglücklicherweise haben sich die Deutschen (immer noch) nicht auf eine Entscheidung hin festgelegt. Und das ist das ewige Problem Deutschlands.

Deutschland ist wirtschaftlich enorm mächtig, aber gleichzeitig geopolitisch sehr zerbrechlich (ungeschützt), und sie wissen niemals, wie sie diese zwei Sachen zusammen bringen.

Denken sie über die „Deutsche Frage“ nach, welche jetzt wieder mal aufkommt. Das ist die nächste Frage, die wir stellen müssen. Und wir wissen nicht, wie wir diese Frage stellen sollen, weil wir nicht wissen, was die Deutschen vorhaben zu unternehmen.


Condolezza Rice

Ich glaube, auch die Europäer selbst sind Teil des Problems.

Sie sind sehr abhängig von Russlands Energieressourcen

und Geschäftsbeziehungen.

Deutschland ist das wohl einflussreichste Land in Europa,

zumindest wirtschaftlich.

Um jeden Preis muss das Bündnis Russland + Deutschland verhindert werden, wie im Ersten und im Zweitem Weltkrieg und wie im Kalten Krieg.

Es gab Kritik, dass Angela Merkel nicht aggressiv genug war.


Links:

Die beiden Bücher sollte man kennen, wen man sich eine fundierte Meinung bilden möchte.

Bei Amazon


Bein Amazon

(Falls der Link nicht mehr funktioniert: Ich habe den Film auch noch separat gespeichert …)

Und hier die Screenshots der Zitate.

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Kriegsgeschrei auf allen Kanälen

Montag, 21.02.2022, 14:15:02 :: Naxos

Ich zitiere hier einen Beitrag in Facebook von Oskar Lafontaine vom heutigen Tag, der es mir Wert ist, erhalten zu bleiben, zu unsäglich ist die Kriegstreiberei, die Dauerbeschallung, -bespielung und -schreibererei unserer angeblich massgeblichen Presse. Wir befinden uns in einer Situation, wie sie Christopher Clark in seinem ausgezeichneten Buch

Cover des Buches

beschreibt – das Spiel zwischen Obrigkeit und Presse, beide Seiten geil und geifernd, die andere Seite zu mehr Einsatz treibend. Aber wer liest heute schon Texte mit mehr als drei Zeilen, auch wenn sie erhellend sind. Es könnte ja am Ende zu der Überzeugung führen, dass man sich die eigene Unwissenheit, ja Dummheit eingestehen müsste. Und das wäre wohl schlimmer als ein Krieg auf europäischem Boden. Hatten wir ja schliesslich schon zweimal …

Hier also Oskar:

Am Freitag sagte die Professorin für internationale Politik an der New School in New York, Nina Chruschtschowa, im „Stern“: „Ich bin zutiefst überzeugt, dass es keine Invasion geben soll und geben wird. Ich kann mich wahnsinnig täuschen. Aber wie ich Russland kenne, gibt es für Moskau keinen Grund, einen Krieg zu wollen. Für mich sieht es nach einer gezielten US-amerikanischen Kampagne aus. Die Entwicklungen der letzten Wochen erinnern in erschreckender Weise an das Vorspiel des Irak-Krieges. Damals machten die USA die Welt glauben, Saddam Hussein verfüge über biologische und chemische Massenvernichtungswaffen, was sich als Lüge entpuppte. Jetzt beschwört man die Gefahr einer russischen Invasion in die Ukraine herbei.“ (Siehe Interview im „Stern“).

Die US-Waffenindustrie reibt sich mittlerweile die Hände, hat sie doch gerade erst wieder den Polen für sechs Milliarden Dollar Panzer verkauft. Und während Europa zum eigenen Schaden und vor allem zum Schaden Deutschlands Sanktionen verhängt, vergrößern die USA fröhlich ihren Handel mit Russland und kaufen vor allem Öl. Warum hat Scholz, als Biden lächelnd erklärte, im Falle eines russischen Angriffs werde Nordstream 2 stillgelegt, nicht sofort erklärt: Darüber entscheidet Deutschland, aber ich bin sicher, dass Sie Herr Präsident, was die russischen Öllieferungen angeht, dann mit gutem Beispiel vorangehen werden?

Hätte Anne Will doch Nina Chruschtschowa in ihre Sendung gestern eingeladen. Es wäre spannend geworden, zumal die US-Professorin nicht so leicht als „Putin-Versteherin“ verunglimpft werden kann. So vertraten die EU-Kommissionspräsidentin Von der Leyen, der SPD-Vorsitzende Klingbeil, der CDU-Außenpolitiker Röttgen und die Mitarbeiterin der Brookings Institution Constanze Stelzenmüller die US-Kriegspropaganda. Und Sahra Wagenknecht hatte die Redaktion die Aufgabe zugedacht, die „Putin-Versteherin“ zu geben.

Die Diskussion zeigte wieder einmal: Auf die Idee, dass man den Frieden nur erreichen kann, wenn man die anderen, in diesem Fall die Russen und Putin, versteht, scheint unter den deutschen Politikern und Journalisten, die sich an der dauernden Kriegshetze beteiligen, kaum noch jemand zu kommen. Besonders der neue SPD-Vorsitzende Klingbeil machte den Eindruck, noch nie etwas von der Ost- und Entspannungspolitik Willy Brandts gehört zu haben, nach der man nur gemeinsam Sicherheit finden kann, und nicht, wenn man den anderen verteufelt und seine Interessen nicht ernst nimmt.

Wie sehr große Teile des deutschen Journalismus auf den Hund gekommen sind, konnte man an den Kommentaren nach der Sendung sehen, in der eine Reihe von Journalisten, die offensichtlich ihren Beruf verfehlt haben, ernsthaft die Auffassung vertraten, man sollte Leute wie Sahra Wagenknecht, die dafür werben, auch die russischen Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen, gar nicht mehr einladen. Als lechzten sie geradezu nach der „Pressefreiheit“ totalitärer Staaten.

Trotz der vielen Kriege, die die USA mit Lügen begonnen haben, ist die Gehirnwäsche des Pentagon so erfolgreich, dass jede US-Kriegspropaganda von großen Teilen der Politiker und Journalisten in Deutschland und Europa kritiklos nachgebetet wird. Sie scheinen nicht mehr zu verstehen, dass die Russen sich mit demselben Recht dagegen wehren, US-Truppen und -Raketenbasen an ihrer Grenze zu haben, wie die USA sofort mit Krieg drohen würden, wenn russische oder chinesische Truppen oder Raketenbasen in Kuba, Mexiko, Kanada oder Venezuela stationiert würden.

Es ist ein Trost, zu wissen, dass trotz der Kriegshetze von Politikern und Medien, die Mehrheit in Deutschland anders denkt. 90 Prozent wollen nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage gute Beziehungen zu Russland. Weil sie wissen, dass Russland ein europäisches Land ist und Gorbatschows Idee eines gemeinsamen Hauses Europa nicht vergessen haben. Er hat die deutsche Einheit ermöglicht und die russischen Truppen aus Deutschland und Europa zurückgezogen. Und die Älteren erinnern sich noch daran, dass die Russen seit Napoleon immer wieder überfallen wurden, und dass durch Hitlers Vernichtungskrieg 25 Millionen Menschen in der Sowjetunion ihr Leben verloren haben.

„Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein“, sagte Willy Brandt einmal. Dieses Vermächtnis sollte wieder zur Leitlinie der deutschen Außenpolitik werden.

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Facebook und Kommentarsperren: Wie weit sind wir auf dieser Plattform?

Sonntag, 20.02.2022, 16:16:47 :: Naxos

Jeder Mensch, der mich kennt, weiss, dass ich weder Terrorist, Querdenker, Anarchist noch neurechts oder irgend etwas ähnliches bin. Kritisch – ja. Deutlich – ich bemühe mich.

Ganz sicher bin ich kein Kurt Tucholsky, kein Karl Kraus und kein Erich Kästner oder wen auch immer die Nazis seinerzeit am Publizieren nicht nur gehindert haben.

Heute also hat mir Facebook mal wieder den Kommentar-Hahn abgedreht, für 24 Stunden.

Und ich merke: Wer sarkastische Kritik übt, wird der Hassrede bezichtigt und ausgesperrt. Ich habe heute einen Kommentar veröffentlicht, der bei all der Medienhetze gegen Putin und „sein“ Russland gewissermassen offensichtlich und druckfertig auf der Tastatur liegt:

Werden auch diesmal wieder deutsche Männer (und erstmals Frauen) so dumm sein und sich gegen Putin und „sein“ Russland verheizen lassen?

Dass ein Konzern mit derart viel Geld und Resourcen derart schlechte Algorithmen einsetzt um Mist, Hass und irgend welche dreisten Unwahrheit auf seiner Plattform heraus zu fischen, ist wirklich enttäuschend. Enttäuschend deshalb, weil ich an Zensur immer noch nicht glauben mag …

Aber hier nun der Meister …

… mit einem Frage-Gedicht, das dieselbe Frage stellt, nur gerichtet an das ganze Volk; was naturgemäss weitaus schlimmer sein müsste …

An das Publikum

von Kurt Tucholsky (1932)

O hochverehrtes Publikum,
Sag mal: Bist du wirklich so dumm,

Wie uns das an allen Tagen
Alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
Spricht: „Das Publikum will es so!“
Jeder Filmfritze sagt:
„Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
„Gute Bücher gehn eben nicht!“

Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
Immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
Aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
Aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
Könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
Einer der zahllosen Reichsverbände
Und protestierte und denunzierte
Und demonstrierte und prozessierte …

Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?
Ja dann …

Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmässigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser?
Ja, dann…

Ja, dann verdienst du’s nicht besser.

Nachtrag, Montag, 21.02.2022, 16:37:41

Facebook Begründung

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On Facebook

Montag, 29.11.2021, 14:51:25 :: Galanado

Ich habe das heute auf Facebook gefunden, diesem Medium, das nur die meiden, die es weder verstehen noch je länger genutzt haben. Daher habe ich es mir »geklaut« und veröffentliche es hier.

2G ist dazu da, um Ungeimpfte vor den Konsequenzen ihrer Entscheidung und der Ansteckung zu schützen und hat nichts mit Ausgrenzung zu tun. Sobald private Entscheidungen öffentliche Konsequenzen haben oder andere beeinträchtigen, ist der Staat gefragt, ALLE zu schützen.

Ich darf rauchen (meine freie Entscheidung), darf das dann aber beim Restaurant-Besuch nur vor der Tür.

Ich darf sehr viel Alkohol trinken (meine freie Entscheidung), darf dann aber kein Auto mehr fahren.

Ich darf mir ein Ticket für die 2. Klasse der Bahn kaufen (meine freie Entscheidung), darf dann aber nicht in die DB-Lounge.

Ich darf ungeimpft sein (meine freie Entscheidung), darf dann aber aktuell nicht mehr überall rein.

Das alles hat nichts mit Würde, Freiheit oder Einschränkung zu tun, sondern repräsentiert das Prinzip der Abschätzung individueller Folgen meines persönlichen Handelns.

Und dabei ist jede und jeder bei der Bewertung völlig frei!

Und wenn ich mich dazu entschließe, nur mit einer roten Pudelmütze bekleidet (und ansonsten nackt) rumlaufen zu wollen, kann ich das ebenfalls machen – halt nur nicht in der Öffentlichkeit. Da hat die Mehrheit offenbar etwas dagegen, hat über Parlamente entsprechende Regeln festgelegt – und fertig. Das nennt man dann Demokratie.

Und übrigens: Die Individualität Einzelner endet immer da, wo die Rechte Anderer tangiert werden.

Das war schon immer so. Wer das nicht glaubt, kann ja einfach mal nachts um 02:00 Uhr den Rasen mähen oder morgens um 10:00 Uhr auf dem EDEKA-Parkplatz einen Ölwechsel machen.

Gelesen, für gut befunden und kopiert.

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Der Krebs kehrt zurück (4)

Freitag, 08.10.2021, 16:26:31 :: Stuttgart

Liebe Freunde und Verwandte,

wir haben nun mehr als ein Vierteljahr in Deutschland verbracht, fast die ganze Zeit bei lieben Verwandten in Weilimdorf, gerade mal 700 Meter von der Stelle, wo die Holzbaracke stand, wo diese Aufnahme entstand. Dort war ich 1948/49 im Kindergarten. Heute steht dort das Alten- und Pflegeheim der AWO, das ebenso wie der Kindergarten familiär relevant wurde. Unsere Familiengeschichte ist stark mit Feuerbach und Weilimdorf verbunden.


Mich findet man leicht: Vorne mit Hütchen

Wenn man in meiner Situation ist, denkt man unweigerlich zurück, besonders wenn man zufällig so dicht dort aufschlägt, wo man die ersten gut erinnerten Jahre verbracht hat.

Gut. Das als Vorrede. Mir geht es täglich besser, wenn auch nicht wirklich gut. Die letzte Nachuntersuchung klang auch nicht verheissungsvoll. Ich muss Geduld haben und im Zweifelsfall eben doch noch mal unters Messer.

Dennoch fliegen wir am 15. Oktober nach Naxos und ich hoffe, das mir die herbstliche und winterliche Ruhe dort gut tun wird.

Herzliche Grüsse, Reinard

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Why?

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Meine Seele hat einen Hut

Sonntag, 29.08.2021, 19:31:04 :: Stuttgart

Von >Mária Raúl de Morais Andrade (1893–1945)

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt,
dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.
Ich fühle mich wie dieses Kind,
das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat:
die ersten Bonbons aß es mit Vergnügen,
aber als es merkte, dass nur noch wenig übrig war,
begann es sie intensiv zu schmecken.

Ich habe keine Zeit für endlose Treffen, bei denen die Statuten,
Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden,
in dem Wissen, dass nichts getan wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu unterstützen,
die trotz ihres chronologischen Alters nicht erwachsen sind.
Meine Zeit ist zu kurz: Ich will die Essenz, meine Seele ist in Eile.
Ich habe nicht mehr viel Süßigkeiten im Paket.

Ich möchte neben Menschen leben, sehr menschliche Menschen,
die über ihre Fehler lachen können
und die nicht von ihren eigenen Erfolgen aufgeblasen werden
und die Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Auf diese Weise wird die Menschenwürde verteidigt
und wir leben in Wahrheit und Ehrlichkeit

Es ist das Wesentliche, das das Leben nützlich macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen,
die Herzen zu berühren,
mit denen die harten Striche des Lebens gelernt haben,
mit süßen Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig,
mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich habe nicht vor,
irgendwelche der restlichen Nachtische zu verschwenden.
Ich bin mir sicher, dass sie exquisit sein werden,
viel mehr als die, die bisher gegessen wurden.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden und in Frieden
mit meinen Lieben und meinem Gewissen zu erreichen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt,
wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

MÁRIA RAÚL DE MORAIS ANDRADE
1893–1945
Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler.
Einer der Gründer der brasilianischen Moderne.

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Der Krebs kehrt zurück (3)

Meine Entscheidung

Sonntag, 22.08.2021, 21:40:30 :: Stuttgart

Als ich vor etwas mehr als einer Woche das Krankenhaus verlassen konnte, gab man mir neben guten Wünschen und notwendigen Schmerzmitteln auch die Aufgabe mit auf den Weg, bis in zehn Tagen ein schwerwiegende Entscheidung zu fällen.

Ich habe sie gefällt.

Und die Konsequenz daraus quält mich ebenso als hätte ich mich anders entschieden: Ich stelle mich einer weiteren Operation nicht. Es geht über meine Kräfte. Ich schaffe es nicht, mich der Realität zu stellen, die mich erwarten würde: eine weiter verkleinerte und verstümmelte Zunge, ausgebessert mit einem Stück Haut und Fleisch aus dem Handgelenk, diese Stelle wiederum ausgebessert durch einen Lappen aus dem Oberschenkel. Und der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, mit einem Luftröhrenschnitt zu erwachen, der mir für sehr lange – eventuell sogar für immer – das Atmen sichern würde. Ich kenne und erinnere sehr wohl an das Gefühl, nicht frei atmen zu können, kurz vor dem Ersticken zu stehen. Das war vor genau acht Jahren und aus weit nichtigerem Grund als dem, der jetzt zur Entscheidung ansteht. Wenn alles gut geht, so sagt man mir, beträgt die Rekonvaleszenz sechs Monate bis zu einem Jahr. Welche Einschränkungen und Schmerzen, welche Unmengen an Medikamenten, Abführmitteln und sonstigen Unannehmlichkeiten dies bedeutet, mag sich vielleicht niemand ausmalen – ich aber schon. Und deshalb weiss ich , dass mir die Kraft dazu fehlt und fehlen würde.

Auf der andere Seite weiss ich, dass der von mir abgelehnte Weg die Wahrscheinlichkeit senken könnte, dass der Krebs sich bald beziehungsweise überhaupt wieder meldet; oder umgekehrt: Ohne Eingriff erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit seines Wiederauftauchens. Was dann käme, wäre (und ist dann!) mein emotionaler und wahrscheinlich auch körperlicher Untergang.

Wir reden also immer nur von Wahrscheinlichkeiten, denn Sicherheiten kann niemand erwarten und verspricht auch niemand, das wäre unlauter. So dramatisch und geschwollen es klingen mag – ich entscheide über den Gang der nächsten Monate, ja vielleicht auch Jahre in der Hoffnung, dass sie mir noch eine möglichst unbeschwerte Zeit gewähren, in der ich frei atmen, weitgehend unbeschwert essen und trinken, schmecken und riechen und vielleicht doch noch eine oder mehrere Reisen unternehmen kann.

Nun werden wir zunächst aber die Reha beantragen, ich werde den Zahnarzt aufsuchen, um einen bei der Operation teilweise ramponierten Zahn flicken zu lassen, meine Schwerbehinderung neu beantragen und anderen notwendigen Verrichtungen nachgehen – Naxos liegt in weiter Ferne.

In dieser bangen Erwartung – und doch auch Hoffnung – grüße ich Euch alle.

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Der Krebs kehrt zurück (2)

Dienstag, 10. August 2021 :: Stuttgart

Kurzfassung

Heute vor genau zwei Wochen bin ich hier zur siebten Operation meiner Zunge eingerückt. Mit der achten Operation haben sie noch am selben Tag vor Mitternacht bis hinein in den Folgetag begonnen. Ich befinde mich mit viel Schmerzmittel auf einem recht guten Weg der Besserung. Aber es ist noch lange nicht zu Ende.

Aber der Reihe nach.

Langfassung

Vorbemerkung: Niemand muss jetzt noch weiterlesen …

Die Operation verlief für mich zunächst glimpflicher als ich befürchtet hatte. Kein Luftröhrenschnitt, keine künstliche Beatmung nach dem Erwachen. Aber dafür eine Menge Blut und noch mehr Schmerzen.

Blut …

Die anhaltende Blutung wurde nach mehreren Versuchen mit blutstillenden Kompressen durch einen weiteren Eingriff – erneut unter Narkose – erfolgreich beseitigt. Allerdings mit (subjektiv?) erheblicher Verzögerung: Anästhesist und Operateur waren anderweitig zugange und unabkömmlich. Daher sass ich im Operationsraum ohne Rückenstütze auf dem Operation-Tisch, um mich herum plauderten Anästesieschwestern und OP-Assistentinnen ua. munter darüber, was bei mir am Morgen alles nicht so geklappt hatte – ein Gräuel für mich. Wir warteten also gemeinsam. Und warteten. Irgendwann kam ein Engel auf die Idee, sich gegen meinen Rücken zu lehnen, was uns beiden eine stabile Lage ermöglichte und zumindest mich und meine Wirbelsäule enorm entlastete. Schließlich ging’s dann irgendwann los.

Beim Aufwachen waren die Schmerzen weiter da, die Blutung schien aber besiegt. Nur die Blase … Im Aufwachraum gibt es keine Toilette, nur diese wundervollen Flaschen, denen sich mein Körper seit jeher verschließt. Also wieder warten – mit Schmerzen oben und unten.

Schlucken und Sprechen waren in den ersten Tagen unmöglich, zudem extrem schmerzhaft, sodass mein Körpergewicht täglich sank, eine anderweitige Ernährung also anstand, wobei ich eine Magensonde ablehnte und mich mit den Schmerzen beim Schlucken abfand, besonders, nachdem Lis mit selbst gemachten Suppen und Joghurt segensreiche Ideen entwickelte. Denn die hauseigene Flüssignahrung brachte ich ums Verrecken nicht hinunter. Erst später erfuhr ich, dass es längere Zeit benötigt, einen Patienten mit Schmerzmitteln so zu tarieren, dass er im Wesentlichen schmerzfrei ist.

… und Tränen

Quälende Tage folgten, mein Mut und meine Kraft waren auf dem Tiefpunkt, andauernd mussten neue Venenzugänge gelegt werden, die mehrfach erst im zweiten, dritten, ja vierten Anlauf gelangen, irgendwann gar nicht mehr: Meine Venen sind so kaputt, dass nur noch ein spezieller Venenkatheder, eine sogenannter PICC-Line half – wieder ein Eingriff, diesmal mit lokaler Betäubung und unter Röntgenkontrolle, denn die Kanüle reicht von oberhalb der Armbeuge bis kurz vor die rechte Vorkammer.

Hilfe …

… kam von allen Seiten. Die Schmerzen bekamen wir gemeinsam durch ständige Anpassung der Schmerzmittel, einschliesslich Fentanylpflaster (enthält eine Opium-analoge Substanz, die langsam über Tage abgegeben wird), in den Griff, die Logopädin wirkte durch ihr bestimmendes Einwirken und der nicht ausgesprochene „Drohung“ mit der Magensonde dafür, dass ich das Schlucken lernte und nicht zuletzt die Psychoonkologin konnte mich nach Tagen der Instabilität und der Schmerzfreiheit davon überzeugen, dass es in meinem Krankenzimmer mit diesem schönen Ausblick auf Karlshöhe und Hasenberg angenehmer ist als auf der Überwachungsstation.

Wie weiter? Der Plan, …

Ja, das weiss ich auch nicht. Sicher werden weitere Operationen kommen, um den Sicherheitsrand auf 5 mm zu erweitern sowie die Abdeckung und teilweise Rekonstruktion der Zunge durch einen Hautlappen aus der Unterarminnenseite, deren Anschluss an die Gefäße im Hals, die Ausbesserung des Unterarms durch ein Stück aus dem Oberschenkel („wie eine Schürfwunde, heilt schnell“). Ja, und eine weitere *Neck Dissection*, die Entfernung der herdnahen Lymphknoten beidseitig hierbei oder später steht dann auch noch an. Das wär‘s dann? Mit Mund und Hals soweit ja.

Ach ja: Im Nachgang, zur Erleichterung der Atmung in den ersten Tagen, eventuell noch ein Luftröhrenschnitt. Das war‘s aber dann wohl wirklich.

… die Alternativen …

So. Nun zur Alternative: nochmalige Bestrahlung. Des könnte mit möglicherweise alles obige ersparen, kostet mich aber wohl meine kläglichen restlichen Zähne.

Heute wurde mir mitgeteilt, dass diese Option nicht mehr gangbar ist. Die Dosis von 50 Gy, die ich 2014 während der Bestrahlung in Erlangen erhalten hatte, lässt das nicht mehr zu.

Und dann bleibt als letzte Option das Nichtstun, alles so zu belassen und ausheilen lassen wie es jetzt ist. Das will sehr wohl bedacht sein in höherem Alter.

Es sind einfache Fragen, auf die es eben nur Antworten gibt, die auf Erfahrungen anderer und auf Wahrscheinlichkeiten fussen.

Aber eine Entscheidung muss ich fällen.

… und weitere Baustellen

Eine weitere Baustelle tat sich nach der Verabreichnung eines Einlaufes auf: Es blutete, die Teile über die auch im Alter wenig gesprochen wird, waren wohl angerissen worden. Fazit des Proktologen: mindestens drei müssen raus.

Fazit

Und alles ist natürlich bzgl. der Prognose offen. Die meiste Energie und den stärksten Willen brauchen wir wohl doch erst im Alter. Wie gut, dass wir in jungen Jahren davon überzeugt und der Meinung sind, wir gäben jeweils alles.

Und außerdem wird mich Naxos dieses Jahr nicht wiedersehen. Denn eine REHA wird sich in allen Fällen anschließen, möglichst in der Kurklinik Aulendorf. Sie war zu MTS-Zeiten unser Kunde. Nun hat sich das Blatt gewendet …

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Der Krebs kehrt zurück (1)

Sonntag, 27.06.2021, 22:00:00 :: Hochdorf/Stuttgart

Als wir am 24. Juni Naxos mit dem Flieger verließen hatte dies ein schwerwiegenden Grund: Seit Ende letzten Jahres hatten die Schmerzen in meiner Zunge so zugenommen, dass ich den örtlichen HNO-Arzt häufig konsultieren musste, in der Annahme, dass er helfen könnte. Alle seine Diagnosen waren wohl unbegründet, Anzeichen auf Leukoplakie – der Vorstufe für ein Karzinom – waren nicht zu entdecken, eine Beißschiene gegen mechanische Verletzungen und Antibiotika gegen eine Entzündung waren ebenfalls nicht hilfreich.

So entschlossen wir uns, nach Deutschland zu reisen, um dort Klarheit zu bekommen; wie ich jetzt hoffe, nicht zu spät. Eine erste umfangreiche Untersuchung am 6. Juli – unter Narkose mit Biopsie an einer verdächtigen Stelle – brachte zutage, dass es ein Rezidiv gibt, ein Wiederaufkeimen des Karzinoms. Mehr Klarheit wird hoffentlich eine weitere MRT-Aufnahme am 21. Juli erbringen.

Aber ich werde so oder so am 26. Juli unters Messer kommen – mit derzeit unbekanntem Ergebnis: Wird Lasern der fraglichen Stelle ausreichen oder wird ein Hautlappen von der Innenseite meines Unterarms dafür herhalten müssen, den fehlenden Zungenteil zu ersetzten beziehungsweise die Wunde zu überdecken? Auch die Ärzte wissen es derzeit nicht, das entscheidet sich wohl erst nach der oben erwähnten MRT-Kontrolle oder gar erst während des Eingriffs. Dieser beinhaltet ausserdem eine weitere Kontrolle des Rachenraums bis in die erste Gabelung der Bronchien hinab um sicher zu gehen, dass da nicht doch noch mehr ist.

Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass nun, exakt 18 Jahre nachdem man mir hier im Marienhospital das Karzinom am anderen Ende des Verdauungstraktes entfernt hat, nun das im Mund an der Reihe ist. Nach dem 26. Juli wird es hoffentlich erfreulichere oder zumindest erleichternde Nachrichten geben.

Nachtrag, Sonntag, 29.08.2021, 20:31:44 :: Stuttgart

Über Krankheit, überhaupt über Krebs, schreibt man nicht? Dazu ein paar Gedanken:

Links:

  • Vom narzisstischen Schreiben gegen den Tod, ein Artikel mit vielen weiteren Hinweisen zum Thema, die ihre Bedeutung nicht verloren haben
  • Jürgen Leinemann: Das Leben ist der Ernsfall »Das Urteil lautet Zungengrundkrebs. Für einen der profiliertesten politischen Journalisten, einen engagierten Zuhörer und Frager, bedeutet es das Ende seines beruflichen Lebens. „Ich sah mich als einen der Menschen, die durch Wörter zu dem werden, was sie sind. Nicht nur Schreiben, auch Reden war mein Beruf. Und jetzt war ich stumm.“ „Die unverändert gespürte tödliche Bedrohung durch den Krebs, meine körperliche Schwäche und meine seelischen Tiefs sind die Wirklichkeit, durch die ich mich durchkämpfen muss. Ich darf mich um die Wahrheiten der Krankheit nicht herumdrücken, aber ich darf mich von ihnen auch nicht unterkriegen lassen. Zwei Sätze sind für mich als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‚Bleib erschütterbar und widersteh.‘ Beide Sätze sind, da die Krankheit den Journalismus als Lebensschule abgelöst hat, für mich von existenzieller Bedeutung. Ich muss mit der breiten Grauzone der Unberechenbarkeit leben, wenn ich leben will. Und das will ich, das ist mir inzwischen ganz klar.“«
  • Der Krebs kehrt zurück (2)
  • Der Krebs kehrt zurück (3)
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