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Den Planeten zu retten, heißt die herrschenden Eliten zu stürzen

Sonntag, 29.09.2019, 12:38:14 :: Galanado

Dies ist die übersetzte Wiedergabe eines Artikels auf den Nachdenkseiten vom 28. September 2019, der alarmierend und es mehr als wert ist, breit gestreut und auch gelesen zu werden.


Nach der aufsehenerregenden und aufrüttelnden Rede der Klimaaktivistin Greta Thunberg und einer Woche voller Protestzüge und Aktionen, mit denen Menschen weltweit einen effektiven Klima- und Umweltschutz forderten, ruft der renommierte US-Journalist Chris Hedges zu gewaltfreiem zivilen Ungehorsam auf. Demonstrationen alleine bewirkten nichts gegen die rücksichtslose Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch die Herrschaft der Konzerne und ihrer Handlanger in der Politik.

Aus dem Englischen von Susanne Hofmann

Der weltweite Schülerstreik vom vergangenen Freitag wird genauso folgenlos bleiben wie die Massenmobilisierung von Frauen nach der Wahl Donald Trumps oder der Protest von Hundertausenden, die gegen den Irak-Krieg auf die Straße gingen. Das heißt nicht, dass es diese Proteste nicht hätte geben sollen. Im Gegenteil. Doch derartige Demonstrationen müssen auf dem Boden der bitteren Realität stehen, dass wir in den Führungsetagen nicht zählen. Lebten wir in einer Demokratie, was wir nicht tun, hätten unsere Hoffnungen, Rechte und Forderungen, insbesondere die Forderung, dass wir dem Klimanotstand entgegentreten müssen, einen Einfluss. Wir wären in der Lage, Repräsentanten an die Regierungsmacht zu wählen, um einen Wandel zu bewirken. Wir wären imstande, Umweltgerechtigkeit von den Gerichten zu verlangen. Wir könnten Ressourcen in die Beseitigung von Kohlendioxidemissionen umleiten.

Wahlen, Lobbyarbeit, Petitionen und Proteste, um die herrschenden Eliten dazu zu bringen, rational auf die Klimakatastrophe zu reagieren, haben sich als genauso ineffektiv erwiesen wie das Flehen der an Skrofulose Erkrankten an Heinrich VIII., sie durch königliche Berührung zu heilen. Die bekannten Taktiken, die Umweltschützer in den letzten Jahrzehnten angewandt haben, waren spektakuläre Misserfolge. Im Jahr 1900 erzeugte das Verbrennen fossiler Brennstoffe – vor allem von Kohle – ungefähr zwei Billionen Tonnen CO2 im Jahr. Diese Zahl hatte sich bis 1950 verdreifacht. Heute wird 20 Mal so viel Kohlendioxid emittiert wie 1900. Während der letzten zehn Jahren schritt die CO2-Zunahme 100 bis 200 Mal schneller voran als weltweit seit dem Übergang von der letzten Eiszeit. Am 11. Mai verzeichnete das Mauna Loa Observatorium in Hawaii 415,26 ppm CO2 in der Luft. Man geht davon aus, dass es sich dabei um die höchste Konzentration seit der Entwicklung des Menschen ist. Wir werden ein neues Paradigma des Widerstandes ergreifen oder zugrunde gehen.

Die herrschenden Eliten und die Konzerne, denen sie dienen, sind die Haupthindernisse eines Wandels. Sie können nicht reformiert werden. Und das heißt: Revolution, also das, was Extinction Rebellion erreichen möchte mit seinem Ruf nach einer „internationalen Rebellion“ am 7. Oktober. An diesem Tag will es die Stadtzentren auf der ganzen Welt mittels anhaltendem zivilen Massenungehorsam stilllegen. Wir müssen die Macht übernehmen. Und nachdem die Eliten ihre Macht nicht freiwillig abgeben werden, werden wir sie uns durch gewaltfreie Aktion nehmen müssen.

Proteste können ein politisches Bewusstsein einleiten. Sie können aber auch lediglich leeres politisches Theater sein. Sie können dazu benutzt werden, unsere moralische Integrität zu feiern –Werbung für uns selbst im Zeitalter der Sozialen Medien. Sie können Schaufenster-Aktivismus sein, bei dem sich Demonstranten durch Polizeibarrikaden leiten lassen und Verhaftungen höflich choreografiert werden, was dazu führt, dass die Demonstranten einige Stunden im Gefängnis sitzen und sich damit als Radikale ausweisen. Sie können dafür benutzt werden, uns von einer abstoßenden politischen Figur wie Donald Trump zu distanzieren, aber unser stilles Einverständnis geben, wenn die gleiche Politik von einem vermeintlichen Progressiven wie Barack Obama betrieben wird. Dies ist ein Spiel, das der Staat gelernt hat, zu seinem Vorteil zu spielen. So lange wir die Maschine nicht stören, so lange wir gemäß ihren Regeln protestieren, werden uns die Eliten in pinken Wollmützen durch die Straßen von Washington marschieren oder einen Tag lang der Schule den Rücken kehren lassen.

Ist die Macht bedroht, so wie es während der lange anhaltenden Proteste im Rahmen der Occupy-Belagerung und im Reservat Standing Rock der Fall war, reagieren die herrschenden Eliten ganz anders. Sie setzen das ganze Gewicht des Überwachungsstaates dafür ein, die Demonstranten zu dämonisieren, ihre Anführer zu verhaften und festzusetzen und Agents provocateurs einzuschleusen, die gewaltsame Angriffe ausführen, um zu rechtfertigen, dass Polizei und Sicherheitskräfte die Proteste abwürgen.

Die präventiven Maßnahmen der Sicherheitskräfte, die geplante Besetzung der Innenstädte durch Extinction Rebellion im Oktober zu behindern und zu vereiteln, welche den Handel beeinträchtigen und Teile von Großstädten zum Erliegen bringen soll, haben bereits begonnen. Roger Hallam, der Mitbegründer von Extinction Rebellion, wurde am 14. September festgenommen und beschuldigt, mit einer Drohne versucht zu haben, den Betrieb am Flughafen Heathrow zu stören. Hallam hat Heathrow als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet – nach Angaben von Klimaaktivisten werden dort 18 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ausgestoßen, das ist mehr als die Emissionen von 118 Ländern zusammen. Er und andere Aktivisten haben geschworen, die Pläne des Flughafens zum Bau einer dritten Startbahn zu stoppen. Hallams Fall wird am 14. Oktober vor dem Isleworth Crown Court verhandelt. Das bedeutet, dass er erst nach den Protesten vom 7. Oktober freigelassen wird. Darüber hinaus wurden andere Organisatoren von Extinction Rebellion, darunter Andrew Medhurst, in England festgenommen, und die Polizei hat ihre Telefone und Computer beschlagnahmt.

Es spielt keine Rolle, wer das öffentliche Gesicht des konzernregierten Staates ist. Es geht hier nicht um politische Persönlichkeiten. Schließlich war es Obama, unter dessen Ägide die koordinierte nationale Anstrengung unternommen wurde, die Occupy-Lager aufzulösen und die Wasserschützer im Reservat Standing Rock zu belagern. Obamas Umweltpolitik war furchtbar, trotz seines Lippenbekenntnisses, die globale Erderwärmung bremsen zu wollen und trotz seiner Unterstützung des unverbindlichen Pariser Klimaabkommens, das der Klimaforscher James Hansen einen Schwindel nannte. Während Obamas Amtszeit stieg die US-Öl-Förderung Jahr für Jahr und erreichte eine Steigerung von 88 Prozent. Es handelte sich um die größte Steigerung der heimischen Öl-Förderung in der amerikanischen Geschichte. Obama machte amerikanischen Ölfirmen den Weg zur Offshore-Förderung frei, als sei er Sarah Palin. „Die amerikanische Öl-Produktion, das ist vielleicht nicht überall bekannt, ging jedes Jahr meiner Präsidentschaft weiter nach oben“, sagte Obama letztes Jahr einem Publikum auf der Rise University. „Und wissen Sie, dass Amerika plötzlich der größte Ölproduzent ist… das habe ich bewirkt, Leute.“

Die Demokraten wie die Republikaner dienen der Macht der Konzerne. Sie werden die staatlichen Subventionen für die fossile Brennstoff- und Förderindustrie nicht beenden. Sie werden keine CO2-Steuer einführen, damit die fossilen Brennstoffe in der Erde bleiben. Sie werden übermäßigen Konsum nicht begrenzen. Die Technologien, in die sie investieren – Fracking, Hybrid-Autos, genetisch veränderte Lebensmittel – zielen darauf ab, das Konsumniveau zu erhalten oder gar zu erhöhen und nicht zu senken. Sie werden Billionen Dollar und wissenschaftliche und technische Expertise nicht vom Militär und Konzernen abziehen, um sie so einzusetzen, dass sie uns vor der Umweltkatastrophe retten. Die Rhetorik und die Mätzchen, die sie dazu einsetzen, die Öffentlichkeit zu besänftigen – angefangen von CO2-Krediten zu Windturbinen und Solarpanelen –, sind, so der Wissenschaftler James Lovelock, die Entsprechung zu dem Versuch von Ärzten im 18. Jahrhundert, ernste Erkrankungen mithilfe von Schröpfen und Quecksilber zu heilen.

Die Schaffung immer komplexerer bürokratischer und technokratischer Systeme in einem Zeitalter schwindender Ressourcen ist ein Charakteristikum zu Grunde gehender Zivilisationen. Zivilisationen in ihrer Endphase suchen verzweifelt nach neuen Ausbeutungs-Methoden, statt sich an eine sich ändernde Umwelt anzupassen. Sie unterdrücken die unteren Klassen und beuten sie immer rücksichtsloser aus, um die unersättlichen Gelüste der Elite nach Macht, Luxus und Hedonismus zu aufrecht zu erhalten. Je schlimmer die Umstände, desto mehr ziehen sich die Eliten in ihre privaten Enklaven zurück. Je abgehobener die Eliten, desto sicherer die Katastrophe. Dieser selbstzerstörerische Prozess ruiniert das Ökosystem, bis die verhängnisvollen Systeme zusammenbrechen.

Die herrschenden Eliten, die an Business Schools und in Manager-Kursen ausgebildet wurden, sind nicht in der Lage, die existenziellen Probleme zu bewältigen, die durch die Klimakatastrophe verursacht werden. Sie sind dazu ausgebildet, koste es, was es wolle, die Systeme des globalen Kapitalismus aufrechtzuerhalten. Sie sind System-Manager. Ihnen fehlen die intellektuelle Fähigkeit und die Phantasie, nach Lösungen außerhalb des engen Parameters des weltweiten Kapitalismus zu suchen.

Diejenigen, die im globalen Süden leben, leiden und sterben schon an den Auswirkungen der globalen Erderwärmung, für welche vor allem die wohlhabenden industrialisierten Nationen des globalen Nordens verantwortlich sind. Die reichsten 0,54 Prozent oder 42 Millionen Menschen auf der Welt verantworten mehr Emissionen als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung oder 3,8 Milliarden Menschen. Diese Eliten opfern zunächst die Ärmsten des Planeten, während sie sich die soziale und ökonomische Hierarchie heraufarbeiten, um schließlich uns alle auszulöschen.

Wir müssen unser unerbittlich positives Denken fahren lassen, unsere absurde Manie der Hoffnung, unseren naiven Glauben, dass wir alle Probleme lösen können, wenn wir nur Mumm in den Knochen haben und entschlossen genug sind. Wir müssen der Düsternis vor uns ins Auge blicken. Wir leben in einer Welt, die die globale Erwärmung bereits stark geschädigt hat, und sie wird unweigerlich schlimmer werden. Die Weigerung, sich an der weiteren Zerstörung des Planeten zu beteiligen, bedeutet einen Bruch mit der traditionellen Politik. Es bedeutet, die Zusammenarbeit mit der Autorität aufzukündigen. Es bedeutet, auf jede erdenkliche gewaltfreie Weise, dem Konsum-Kapitalismus, Militarismus und Imperialismus zu trotzen. Es bedeutet, unseren Lebenswandel anzupassen, dazu gehört auch, fortan vegan zu leben, um den Kräften entgegenzuwirken, die auf unsere Auslöschung aus sind. Und es bedeutet Wellen anhaltenden zivilen Ungehorsams, bis die Maschine kaputt ist.

Die Biosphäre, einschließlich dem Amazonas, der Meere und der Polkappen, verschlechtert sich sichtbar. Hitzewellen lähmen Europa, Australien und den amerikanischen Südwesten. Überschwemmungen zerstören den Mittleren Westen der USA. Letzte Woche erlitt der südöstliche Teil von Texas heftige Überflutungen mit Toten, als er vom siebt-regenreichsten tropischen Zyklon der US-Geschichte getroffen wurde, durch den in manchen Regionen innerhalb von drei Tagen mehr als 40 Zoll (mehr als ein Meter) Regen fielen. Monströse Wirbelstürme verwüsten die Karibik und die Küsten der USA. Waldbrände verschlingen die Wälder der Westküste. Doch trotz der greifbaren Anzeichen eines Klimanotstandes, versichern uns die Eliten, dass wir unser Leben wie bisher weiterführen können.

Die mathematischen Modelle für die Zukunft des Planeten zeigen drei verheerende Verläufe: ein Massensterben von vielleicht 70 Prozent der Menschen und daraufhin eine gewisse Stabilisierung; das Aussterben der Menschen und der meisten anderen Arten; eine sofortige und radikale Umgestaltung der menschlichen Gesellschaft, um die Biosphäre zu schützen und sie vielfältiger und produktiver zu machen. Dieses dritte Szenario, von dem die meisten Wissenschaftler einräumen, dass es unwahrscheinlich ist, hängt davon ab, dass die Förderung und der Verbrauch fossiler Brennstoffe eingestellt wird, dass die Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft – deren Anteil an den Treibhausgasen fast so groß ist wie der der fossilen Brennstoffenergie – zerstört werden, indem die Menschen auf eine pflanzenbasierte Ernährung umsteigen, dass die Wüsten begrünt und die Regenwälder wiederhergestellt werden. Wir wissen, was wir tun müssen, wenn unsere Kinder eine Zukunft haben sollen. Die einzige offene Frage ist: Wie können wir Anführer dazu ermächtigen uns zu retten?

Klimaforscher warnen davor, dass wir bald einen Wendepunkt erreichen werden, an dem die Biosphäre so geschädigt ist, dass kein Versuch, das Ökosystem zu retten, den außer Kontrolle geratenen Klimawandel stoppen wird. Diesen Wendepunkt haben wir vielleicht schon erreicht. Der Wendepunkt, glauben viele, ist ein weiterer Anstieg der globalen Temperaturen um zwei Grad Celsius. An diesem Punkt werden sich „Rückkopplungsschleifen“ durch Umweltkatastrophen gegenseitig verschärfen.

Wir brauchen einen neuen Radikalismus. Wir müssen nachhaltig zivilen Ungehorsam betreiben, um die Ausbeutungsmaschinerie zu stören, auch während wir uns auf die unvermeidlichen Verwerfungen und Katastrophen vorbereiten. Wir müssen unseren Lebensstil und unseren Konsum ändern, um unseren persönlichen CO2-Fußabdruck zu verringern. Und wir müssen uns organisieren, um bestehende Machtstrukturen durch solche zu ersetzen, die die vor uns liegende Krise bewältigen können.

Titelbild: Ink Drop/shutterstock.com

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Das Thema Klimawandel ist nicht neu

Donnerstag, 26.09.2019, 13:08:25 :: Galanado

Dies ist die Wiedergabe eines Artikels von Jens Berger auf den Nachdenkseiten vom 25. September 2019, der es mehr als wert ist, breit gestreut und auch gelesen zu werden.


Politik und Medien tun gerne so, als sei das Thema Klimawandel ein neues Thema, das erst von den jungen Aktivisten von Fridays for Future oder gar Greta Thunberg aufs Tableau gehoben wurde. Dabei sind die grundlegenden Erkenntnisse zum menschgemachten Klimawandel älter als alle im Bundestag sitzenden Abgeordneten und selbst die Erkenntnis, dass global auf politischer Ebene eine Reduzierung der Emission von Treibhausgasen eingeleitet werden muss, wurde bereits vor 40 Jahren auf der ersten Weltklimakonferenz formuliert. Niemand kann behaupten, man hätte nichts gewusst.

Von Jens Berger

In privaten Debatten über das Thema „Klimawandel“ stelle ich immer gerne die Frage, wann mein Gegenüber zum ersten Mal etwas von der Erderwärmung durch Treibhausgase, die unter anderem bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehen, gehört haben. Die Antworten sind zumindest im Kontext zur aktuellen Aufgeregtheit erstaunlich. Oft war es der Schulunterricht, oft ältere TV-Dokumentationen wie die Querschnitte-Sendungen des ZDF aus den späten 1970ern und manchmal werden sogar noch ältere Quellen, wie der Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972, genannt. Ich selbst kam mit dem Thema – zumindest bewusst – das erste Mal intensiver in Berührung, als ich 1992 oder 1993 im Schulunterricht das Buch „Wege zum Gleichgewicht“ von Al Gore vorstellen durfte. Und allerspätestens seit der Klimakonferenz von Kyoto im Jahre 1997 sollten die konkreten Zusammenhänge, die heute als akut und oft gar als neu dargestellt werden, als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Das ist nun aber auch schon mehr als zwanzig Jahre her. Greta Thunberg war noch nicht einmal geboren.

Was auf internationaler und nationaler Ebene folgte, war eine große Ankündigungspolitik von Zielen, die allesamt verfehlt wurden. Der Telepolis-Autor Wolfgang Pomrehn hatte dazu 2007 einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben. Und selbst dieser Artikel ist nun schon zwölf Jahre alt und auch seitdem hat sich nichts zum Besseren verändert Im Gegenteil – der Klimagipfel vom letzten Freitag ist sogar ein Eingeständnis, dass man die selbst in internationalen Verträgen zugesagten Ziele gar nicht mehr einhalten will.

Mehr noch – die Vorschläge, die schon vor 40 Jahren diskutiert wurden, wie eine Einführung des Tempolimits, eine schrittweise Abkehr vom Verbrauch fossiler Energieträger, die Transformation unserer Wirtschaft in eine Kreislaufwirtschaft oder die Energiewende, werden heute, 40 Jahre später, immer noch größtenteils als neue Themen aufgefasst, über die man erst einmal gründlich nachdenken sollte. Nur nichts übereilen. Man muss die Menschen und die Wirtschaft mitnehmen. Kein Wunder, dass den Jugendlichen von heute der Geduldsfaden gerissen ist.

Die NachDenkSeiten haben versucht, eine – sicher nicht vollständige – kurze historische Übersicht zu einigen Eckpunkten der Klimaforschung und der gesellschaftlichen und politischen Debatte aufzuzeichnen, die sich bereits vor der dritten Weltklimakonferenz in Kyoto abgespielt haben; also in einer Zeit, in der ein Umsteuern noch relativ problemlos möglich gewesen wäre und die meisten Aktivisten von Fridays for Future noch gar nicht geboren waren.

1896

Der schwedische Physiker und Chemiker und spätere Nobelpreisträger Svante Arrhenius sagt als erster Forscher eine globale Erwärmung aufgrund der menschgemachten Kohlendioxidemissionen durch Verbrennung fossiler Energieträger voraus. Damals sah man diese Entwicklung übrigens positiv und versprach sich davon bessere Ernten.

1938

Der Brite Guy Stewart Callendar wertet die Temperaturdaten der letzten 50 Jahre aus und entwirft als erster Forscher ein sehr grobes lineares Klimamodell, das die globale Erwärmung auf Basis des Kohlendioxidausstoßes prognostizierte. Die von Callendar für das Jahr 2100 prognostizierte CO2-Konzentration von 396ppm wurde übrigens bereits 2013 erreicht.

1956

Der kanadische Physiker Gilbert Plass setzt erstmals Computer zur Berechnung der globalen Erwärmung ein. Er prognostiziert einen Temperaturanstieg von 3,6 °C bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration.

1957

David Keeling nimmt auf dem Mauna Loa auf Hawaii das erste wissenschaftlich präzise Observatorium zur dauerhaften Messung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre in Betrieb. Die Messreihe belegt eindrucksvoll bis heute den Anstieg durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe.

1961

SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt fordert „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“ und markiert damit den Beginn der umweltpolitischen Debatte in Deutschland.

1965

Ein von US-Präsident Lyndon B. Johnson eingesetztes Expertengremium bestätigt den Effekt der Klimaerwärmung durch die Verbrennung fossiler Energieträger.

1968

Forscher des „American Petroleum Institute“ sagen aufgrund der Verbrennung fossiler Energieträger für das Jahr 2000 eine Erhöhung der CO2-Konzentration auf 400ppm voraus und warnen vor signifikanten Temperatursteigerungen, schmelzenden Polkappen und einer Erhöhung des Meeresspiegels. Das Papier landet im Giftschrank der Erdöllobby.

1971

Der Parteitag der SPD verabschiedet, dass umweltfeindliche Produkte stärker besteuert werden.

1972

In Stockholm findet die Weltumweltkonferenz UNCHE statt, die als weltweit erste globale Konferenz der Vereinten Nationen zum Thema Umwelt gilt. Im Abschlussbericht wird u.a. ein weltweites Monitoring des Einflusses der Umweltverschmutzung auf das Klima empfohlen. Chronisten zufolge [1] hat die Delegation der Bundesregierung, die damals von Ehrhard Eppler angeführt wurde, bei der Konferenz eine progressive Rolle eingenommen.

Im ersten Bericht des Club of Rome wird der menschgemachte Treibhauseffekt als Ursache für die globale Erwärmung diskutiert.

Der sowjetische Klimaforscher Mikhail Budyko berechnet, dass ein 50%-Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration durch die Nutzung fossiler Energieträger in „wahrscheinlich nicht mehr als einhundert Jahren“ zu einem vollständigen Abschmelzen der Polkappen führen würde.

Die SPD startet eine Kampagne mit Motiven von Tomi Ungerer, um auf die Umweltverschmutzung durch Lärm und Abgase und die Belastungen durch den Verkehr aufmerksam zu machen.

1977

US-Präsident Jimmy Carter gibt eine Studie in Auftrag, die die grundlegenden Entwicklungen der Umweltbedingungen und ihre Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit bis zum Jahr 2000 bestimmen soll. Später wird „Global 2000“ veröffentlicht und verkauft sich weltweit 1,5 Millionen Mal. Auch das Thema Klimaerwärmung durch menschgemachte Emissionen wird in der Studie behandelt.

1978

Der Wissenschaftler und Fernsehmoderator Hoimar von Ditfurth erläutert in seiner zusammen mit Volker Arzt produzierten zweiteiligen TV-Dokumentation „Der Ast auf dem wir sitzen“ sehr anschaulich die Ursachen des menschgemachten Klimawandels und greift dabei zahlreiche Themen auf, die auch heute die Klimadebatte bestimmen (CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre, CO2-Ausstoß, CO2-Speicher, Regenwaldrodung). Die Dokumentation, die im Rahmen der ZDF-Reihe „Querschnitte“ ausgestrahlt wurde, finden Sie auch auf YouTube (Teil 1, Teil 2) .

1979

Auf Initiative von Klimaforschern, wie dem Deutschen Hermann Flohn, wird in Genf die Erste Weltklimakonferenz abgehalten. Beschlossen wird die Schaffung eines Klimaprogramms zur Untersuchung und zum Austausch der Klimadaten und zur gemeinsamen Arbeit an besseren Klimamodellen. Der neun Jahre später gegründete Weltklimarat IPPC geht aus dieser Initiative hervor.

Der SPIEGEL notiert: „Daß der Treibhaus-Effekt die Erde, zumindest theoretisch, dereinst bedrohen könnte, mochte die Mehrheit der in Genf versammelten Wissenschaftler nicht mehr ausschließen. Differenzen gab es nur über das Ausmaß der Gefahr. (…) Fast einmütig aber empfahlen die Forscher, den Verbrauch fossiler Brennstoffe drastisch einzuschränken und die irdischen Waidreserven nicht noch weiter abzuholzen.“ 

Ein weiterer Expertenbericht der US-Regierung beziffert den Temperaturanstieg bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration auf 2°C bis 4°C und warnt einmal mehr vor der Folgen.

Zeitgleich startet das „American Petroleum Institute“ (siehe 1968) eine weitere groß angelegte Forschungsreihe, die die negativen Auswirkungen der Nutzung fossiler Energieträger zweifelsfrei belegt und auch quantifiziert. Auch diese Studien landen jedoch im Giftschrank der Ölkonzerne, die zehn Jahre später massiv in die Debatte eingreifen, indem sie sogenannte „Skeptiker“ finanzieren, die bis heute die Debatte torpedieren. Ans Licht kamen diese und vergleichbare unter Verschluss gehaltene Studien der Ölkonzerne erst 2015 im Rahmen einer für den Pulitzer-Preis nominierten Recherche der Internetseite InsideClimate News.

1980

Die Nord-Süd-Kommission unter dem Vorsitz von Willy Brandt empfiehlt in ihrem Abschlussbericht die Stärkung regenerativer Energien und die Abkehr von der Nutzung fossiler Energieträger und die Fokussierung auf die Nachhaltigkeit bei der globalen Entwicklungspolitik.

1985

Der Meeresforscher Veerabhadran Ramanathan erweitert die Debatte, indem er in einer Studie 30 Spurengase identifiziert, die als Treibhausgase wirken und zusammengenommen dasselbe Treibhauspotential wie Kohlendioxid haben.

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) veranstaltet gemeinsam mit dem Umweltprogramm (UNEP) und dem Internationalen Wissenschaftsrat (ICSU) eine Klimakonferenz in Villach. In der Abschlusserklärung heißt es, dass „in der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts mit einer Erderwärmung zu rechnen sei, die größer ist als je zuvor in der Geschichte der Menschheit“.

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft warnt vor einer „drohenden Klimakatastrophe“ und fordert die Politik auf, Maßnahmen zu ergreifen, dass die Erwärmung unterhalb von 1°C bleibt. Aktuelle Messungen der NASA besagen, dass die Erwärmung 2018 bereits 0,83°C beträgt. Die Basis ist übrigens das Mittel von 1951 bis 1980.

1986

In einer Studie beziffern die Klimaforscher Dickinson und Cicerone die Klimaerwärmung durch Treibhausgase in den kommenden 65 Jahren auf mindestens 1°C und möglicherweise sogar mehr als 5°C.

Der SPIEGEL titelt „Das Weltklima gerät aus den Fugen“ und gibt einen Überblick über den Stand der Forschung.

1987

In seinem Buch „Die gespeicherte Sonne“ entwirft der SPD-Politiker Hermann Scheer einen umfassenden Plan zur Substitution fossiler Energieträger durch regenerative Energien.

In einem Interview mit dem SPIEGEL warnt der Klimaforscher Hartmut Graßl vor den Folgen der globalen Klimaerwärmung und fordert die Politik zum sofortigen Handeln auf.

1988

„Es ist zwingend geboten, unverzüglich zu handeln“ – so endet das Schlussprotokoll der Weltklimakonferenz von Toronto. Empfohlen wird eine Reduktion der Treibhausgase bis 2005 um 20% und später auf 50%.

Im SPIEGEL mahnt der Atmosphärenforscher Paul Josef Crutzen die Politik, schnell zu handeln. Der Klimawissenschaftler Wilfrid Bach nennt konkrete Forderungen an die Politik – keine dieser Forderungen wurde ernsthaft umgesetzt.

1989

In seiner kurz vor seinem Tod erschienenen Autobiografie „Innenansichten eines Artgenossen“ widmet Hoimar von Ditfurth dem Thema „Klimawandel“ gleich mehrere Seiten und stellt die Reduktion der Treibhausgase als eine der wichtigsten Menschheitsaufgaben dar.

1990

Beim G7-Gipfel in Paris steht erstmals auch die „drohende Klimakatastrophe“ auf der Agenda.

1992

Mit der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen wird auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro das erste völkerrechtliche Abkommen verabschiedet, das sich zum Ziel gesetzt hat, die menschgemachte Störung des Klimasystems zu verhindern und die globale Erwärmung zu verlangsamen. Auf der Konferenz hält auch die damals 12jährige kanadische Klimaaktivistin Severn Suzuki eine engagierte Rede. Heute bedauert sie, dass die Politiker nichts aus ihrer Rede gelernt haben.

In seinem Buch „Wege zum Gleichgewicht“ widmet sich der spätere US-Vizepräsident Al Gore ausführlich dem Treibhauseffekt und der Klimaerwärmung und bringt das Thema damit einer breiten Masse nahe.

Zum ersten Mal taucht der Begriff „Klimapolitik“ im gedruckten SPIEGEL auf.

1995

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung befürwortet die Einrichtung eines Zwei-Grad-Ziels, da man befürchtet, dass bei einer höheren Erwärmung sogenannte Kipppunkte erreicht werden, die unumkehrbare und in ihren Konsequenzen kaum einschätzbare negative Folgen nach sich ziehen.

Auf der ersten Weltklimakonferenz (COP1) in Bonn einigen sich die Staaten auf die Erstellung eines gemeinsamen Protokolls zur Verringerung der Treibgasemissionen.

1997

Auf der dritten Weltklimakonferenz (COP3) in Kyoto wird erstmals ein verbindliches Ziel für die Emissionshöchstmengen der Industrieländer formuliert. Nach langwierigen Verhandlungen und zahlreichen weiteren Weltklimakonferenzen trat das Kyoto-Protokoll jedoch erst 2005 in Kraft. Außer den USA, Kanada, Süd-Sudan und Andorra haben alle UN-Mitglieder das Abkommen ratifiziert.


[«1] Kai F. Hünemörder: Die Frühgeschichte der globalen Umweltkrise und die Formierung der deutschen Umweltpolitik (1950–1973). Franz Steiner Verlag, 2004, ISBN 3-515-08188-7.

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SCHEISS AUF DAS KLIMA …

Montag, 23.09.2019, 17:01:02 :: Galanado

Ein Beitrag von Christoph Sieber auf Facebook am 23.09.2017

…so könnte man die Maßnahmen des Klimapaketes zusammenfassen. Um dann genauer zu werden: Scheiß auf das Klima – so lange mit solchen Maßnahmen wenigstens die Große Koalition gerettet werden kann. Mal wieder.

Und die Frage, die sich stellt: Kommen sie damit durch? Kommen sie tatsächlich damit durch, mit einem Füllhorn an blutleeren Maßnahmen den Aktivisten von „Fridays for Future“ Sand in die Augen zu streuen? Kommen sie mit ein paar erbärmlichen Ankündigungen durch, mit denen niemandem geholfen ist?

Wir werden die Ziele des Pariser Abkommens meilenweit verfehlen. Punkt.

Die große Koalition hat erneut bewiesen, dass sie den Ernst der Lage nicht verstanden hat. Und sie hat erneut gezeigt, dass sie nicht willens oder in der Lage ist Zukunft zu gestalten.

Mit ein paar korrigierenden Globuli ist die Erderwärmung aber nicht zu kurieren.

Wir müssen jetzt die Systemfrage stellen. In einem System des „immer mehr“ ist das Klima nicht zu retten. Der Erfolg des Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung von Mensch und Natur.

Wir müssen erkennen: Die Party ist vorbei. Klar, der DJ spielt noch. Aber so war es auf der Titanic ja auch.

Wenn die Bundesregierung ehrlich wäre, hätte sie gar kein Klimapaket geschnürt, sondern ganz offen gesagt: Wir wollen so weitermachen wie bisher. Wir als Regierung und ihr als Bevölkerung. Die paar warmen, trockenen Sommer – wird schon. Wir schaffen das. Und die Klimaflüchtlinge lassen wir im Mittelmeer ersaufen.

Und dann werden wir uns fragen müssen: Was werden wir den Enkeln mal sagen: Mehr war nicht drin? Paar Fahrverbote für Diesel in den Innenstädten, paar Cent mehr fürs Fliegen und überall neue Ölheizungen???? Echt jetzt? Mehr war nicht möglich?

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Enkel eine Zukunft haben, dann braucht es jetzt Widerstand.

Und um es noch mal zu betonen: Jetzt! Und nicht erst 2028, 2032 oder 2050.

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* Rund Europa 2019 (5), 11. Tag: Kamera Vourla – Rafina

Freitag, 13.09.2019, 22:54:10 :: Nea Makri, Mati Hotel

Beim Frühstück fragen wir die Besitzerin Maria, wo und wie lange sie in Deutschland war, da sie sehr gut Deutsch spricht. Nur einmal zu Besuch, meint sie verschmitzt, sie habe lange in der Schweiz (St. Moritz) in Hotelbetrieben gearbeitet, jetzt habe sie seit diesem Jahr dieses Hotel übernommen und hoffe, dass auch im Winter Gäste kommen. Wenn es nicht laufe, gingen sie und ihr Mann/Partner zurück in die Schweiz.

Und nun das Wetter

Seit gestern Abend ist es bewölkt. Wir fahren bei leichtem Regen los, in der Ferne hören wir Donner.

Starker Regen kommt dann unterwegs, wir halten in einer Autobahnparkbucht, weil der Wischer natürlich ausfällt; das kennen wir seit Jahren. Später wird’s dann wieder schön, je weiter wir nach Süden kommen.

Daher also doch der Abstecher nach Euböa. Ich will über die weltweit schmalste Meerenge fahren, vierzig Meter sind es nur.

Kurzer Besuch auf Euböa

Die Anfahrt hinunter ans Meer nach Chalkis ist das spektakulärste, die Brücke hinüber auf die Insel fast unsichtbar, der Verkehr sehr dicht, Parkplätze Mangelware. Aber wir finden einen für 3 €. Den Stadtrundgang schenken wir uns für diesmal – wegen Hitze.

Von den elf ursprünglichen Moscheen ist nur die Emir Zade-Moschee erhalten geblieben – und das ohne Minarett. Sie erweckt unsere besondere Neugier, denn sie ist auf der Tafel für den Stadtrundgang nicht zu finden … Wie finde ich das denn?

The Chalkis mosque belongs to the architectural style of single-domed mosques, as do most of the mosques within Greek lands and the Balkans.

medievalroutes.gr

Opposite, is the impressive fountain of Khalil, from the same period. It is one of the nineteen public fountains that were built during the Ottoman period, and are also mentioned by Evliya Çelebi. The fountain, decorated in elaborate Arabic style reliefs, also has inscriptions.

medievalroutes.gr

Gut, die beworbenen Loukomades vorne an der Ecke finden auch unser Interesse, aber wir hatten schon bessere.

Dann eine lange Irrfahrt durch fast nur Einbahnstrassen nach Süden zur zweiten Brücke, die uns wieder ans Festland bringt; ein irrer Verkehr.

Mehr wollte ich zunächst mal nicht, einfach der erste Eindruck war wichtig und ausreichend.

Wir verlassen die Autobahn schnell wieder und wählen den Weg über Marathon. Wir sind mal wieder erstaunt wie bergig es hier ist, …

… passieren eine der Schluchten über eine putzig-schmale Brücke inmitten schöner Gebirgszüge.

Aber nachdem die Sage vom Marathonläufer ja eine erfundene Geschichte zu sein scheint, erwarten wir vom Ort nicht mehr; gut, ein »Marathon-Museum« wird ausgewiesen, aber wir belassen es bei der Kenntnisnahme.

So krönen wir den 13. September

Unterwegs unke ich schon wegen des starken Windes, dass wohl keine Fähre gehen wird. Und so ist es, als wir Rafina erreichen.

Es ist ja schliesslich Freitag, der 13.

Neun Beaufort und keine Fähre, wie es zu erwarten war. Frühestens Montag wohl, meinen sie am Ticketschalter.

Wir suchen also ein Hotelzimmer, aber auch das war nun zu erwarten: Alles belegt beziehungsweise möchte das »Avra Hotel« 120 Euronen sehen, ohne Frühstück versteht sich und ohne Kurtaxe.

Wir fahren zurück Richtung Marathon und klappern alles ab: belegt, belegt, ausgebucht. Im Mati Hotel dann nach einigem Würgen und Umbuchen: Ein Zimmer im 5. Stock ist frei für 2 Nächte, 90 € + 3 € Kurtaxe, inkl. Frühstück. Was macht man als herrenloser Hund? Man akzeptiert und wir ziehen ein. Der Aufzug in den 5. Stock ist hilfreich.

Das Hotel steht in der Gegend, wo letztes Jahr die heftigen Brände die Menschen ins Meer getrieben haben und über 100 Tote zu beklagen waren. Vor wenigen Tagen brannte es hier wieder. Die Dame am Empfang spricht sehr gut Deutsch und meint dazu, sie seien sehr froh, dass sie noch leben.

Wir also oben im 5. Stock, Blick vom Balkon direkt nach Nord beziehungsweise NNO, woher auch der Wind bläst; heulender Wind aber die Balkontüre bleibt offen, er ist eher warm und bleibt im Wesentlichen draussen.

Nachtrag Samstag, 14.09.2019, 23:12:32 :: Mittlerweile ist es sehr wahrscheinlich, dass auch am Sonntag keine Fähre nach Naxos die Häfen hier verlassen wird. Zum Glück können wir eine Nacht nachbuchen. Das ist nicht selbstverständlich, den ganzen Tag quoll die Eingangshalle förmlich über vor gestrandeten Touristen und ganzen Gruppen.

Links:

Über die verheerenden Brände 2018 und 2019:

Google-Fotos

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* Rund Europa 2019 (5), 8. Tag: Fanari – Asprovalta

Dienstag, 10.09.2019, 20:37:10 :: Asprovalta, Athina Hotel
Freitag, 31.01.2020, 14:22:36 :: Naxos

Dafür, dass die Hotels fast alle voll belegt sind, sieht es heute Morgen doch sehr leer aus. Kein Restaurant hat offen, es ist immerhin nach neun Uhr.

So durchkämmen wir den Ort und finden diese Bäckerei, die offensichtlich auch den normal aufgestandenen Griechen als Zufluchtsort dient. Und so kommen wir doch zu so etwas wie einem Frühstück.

Vistonida-See und Nestosdelta

Und danach gehts auf die Strecke, die mal wieder eine sehr archäologische werden wird. Zunächst geht es über den Damm, der den Vistonida-See vom Meer trennt. Damals, Ende April 2006 fuhren wir hier bei verhangenem Himmel, immer mal wieder gabs Nebel und Regen. Nichtsdestotrotz wimmelte es von Moskitos, sodass wir schnell und bei geschlossenen Fenstern den Damm überquerten.

2006-04


2019-09

Heute sieht es sehr viel besser aus. Es wird also auch wieder ein warmer Tag.

Ach ja, aber da wäre noch die Geschichte eines Immobilien-Skandals 2008, in den das Athos-Kloster Vatopedi und der Griechische Staat verwickelt waren. Kurz und knapp: Das Kloster hat sich bei der Transaktion »See samt Ufer« gegen »werthaltigere Grundstücke« eine richtig goldene Nase verdient; ihm gehörte der See samt Ufer, dem nach dem Willen der Regierung dem Nationalpark zugeschlagen werden sollte. Es gäbe viele Rücktritte auf Regierungsseite und »… der Archimandrit Efraim wurde am 25. Dezember 2011 von der griechischen Polizei festgenommen und wenige Tage später in das Hochsicherheitsgefängnis Korydallos bei Athen gebracht.« heisst es in der obigen Meldung.

Immerhin aber gehört heute der See und das ganze westlich gelegene Nestosdelta zum »Nationalpark Ostmakedonien und Thrakien«; was so falsch ja nicht ist.

Abdera

Wir umfahren das Delta in Richtung Xanthi und lassen die Reste der einst bedeutenden Stadt Abdera an der Küste im Süden liegen, da wir dort 2006 bereits waren.


Blick auf Xanthi


Viele Storchennester: Der wasserreiche Nestos ist nahe …

Ja, Abdera. Wie ich jetzt, da ich schreibe, neueren Bildern entnehme, hätte sich ein Besuch aber wohl doch gelohnt; die Ausgrabungen und Restaurierungen in den vergangenen dreizehn Jahre haben offenbar noch einiges hervorgebracht. Daher eben nun ein paar Eindrücke vom April 2006. Aber vielleicht kommen wir ja mal wieder vorbei …


Abdera aus der Luft

Noch eine kurze Bemerkung zu Abdera: Sie gilt als der Geburtsort des griechischen Philosophen/ Sophisten Protagoras, der in Platons Dialogen Protagoras und Theaitetos eine sehr wichtige Rolle einnimmt. Er gilt als der Urheber des Satzes, dass der »Mensch das Maß der Dinge« sei, wäre also damit der Urvater des modernen Konstruktivismus oder Relativismus. Platon nimmt ihn sehr ernst und stimmt ihn in gewisser Weise bei, obwohl er gegen Protagoras behauptet, dass das Göttliche das Maß der Dinge sei. Die Bedeutung von Protagoras kann kaum überschätzt werden, gerade in der modernen Erkenntnistheorie. In der vulgarisierten Form »Alles ist relativ« dürfte er aus Diskussionen fast allen bekannt sein.

Mitteilung von Dieter L.

Wenige Kilometer nach Xanthi überqueren wir dann den Nestos, die Grenze zwischen Makedonien und Thrakien, und fahren nach Süden, nach Kavala. Es muss vielleicht erwähnt werden, dass wir hier durch Gebiete mit sehr gemischter Bevölkerung fahren. Insbesondere im Norden Thrakiens finden sich neben der griechischen Mehrheit türkische und bulgarische Minderheiten (Pomaken) und Roma.


Überquerung des Nestos bei Stathmos, 2006-04


… und heute

Kavala hat eine bewegte Vergangenheit und wäre mal wieder einen längeren Aufenthalt wert.

Das monumentale Aquädukt in Kavala durch völlig verdreckte Frontscheibe

Aber wir haben heute weit Wichtiges vor. Nördlich von Kavala findet sich nämlich ein originales Wegstück der …

…Via Egnatia

Diese rund um das Jahr 146 v. Chr. gebaute antike Heerstraße war die Verkehrsverbindung zwischen Rom und Byzanz, den beiden weltlichen und kirchlichen Zentren Europas. Nicht nur Soldaten marschierten hier, auch Händler nutzen sie und selbst Kaiser Hadrian soll hier per pedes unterwegs gewesen sein. Sie verlief (und verläuft z.T. noch) zwischen Durrës im Norden Albaniens und dem heutigen Istanbul.

Die oben beschriebene Stadt Abdera, verlor übrigens ihre Bedeutung mit dem Bau der Egnatia, da die Soldaten- und Händlertrosse sich nun auf dem Landweg nach Osten bewegten.

Ein durch Zaun und Gartentor versperrtes Stück hatten wir ja bereits gestern gefunden.

Hier, hoch über Kavala, stehen und gehen wir nun auf den Steinen, wie angeblich einst Kaiser Hadrian, der es liebte, die Natur auf Schusters Rappen zu geniessen.

Die antiken Nutzer des Weges hätten es wohl sehr zu schätzen gewusst, ein gut ausgestattetes Hospital wie hier oben im Bild am Wege vorzufinden. Und was unverständlich ist: Es gibt keine Wegweiser hierher. Nur eine mässig informative überdachte Infotafel steht auf der Parkbucht, von der aus man hintergeht zur Via Egatia, an der man deshalb normalerweise achtlos vorbei fährt. Zumal nach meiner Beobachtung die wenigen Mitparker eher den Blick auf Kavala und das Meer bewundern, als die Informationen zur Via Egnatia.

Literatur

Eine sehr erkenntnisreiche Quelle war und ist mir dieser kleine Reiseführer, den es auf Papier und digital gibt.

Spannende Lektüre

Da Griechenland die Autobahn, die im Westen Igoumenitsa mit Thrakien im Osten verbindet, Egnatia Odos getauft hat, bleibt diese über 2000 Jahre alte Strasse wenigstens so im Gedächtnis.

Filippoi


Filippoi: Akropolis, Theater und Stadt (Google Earth)

Ach ja, mal wieder die quälende Frage, wie sie υθ schreiben ιστ, die alte Stadt, der Paulus seine Briefe aus römischer Gefangenschaft geschickt hat: Philippi? Filippi? Filippoi? Letzteres wird der griechischen Schreibweise Φιλιπποι am besten gerecht. Bleiben wir also dabei – Filippoι.

Jedenfalls ist diese alte und, insbesondere für das Christentum auf europäischen Boden so bedeutende Stadt unser nächstes Ziel.

Nach Apostelgeschichte (Apg) 16,12 EU heißt Philippi (Φιλιπποι) „eine Stadt (πολις) des ersten Bezirks von Makedonien, eine (römische) Kolonie“. Paulus gründete in Philippi die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden. Im 1. Thessalonicher 2,2 EU schreibt Paulus, dass er in Philippi „gelitten hatte und misshandelt worden war“. Der Verfasser der Paulusakten berichtet von Paulus‘ Reise von Philippi nach Korinth. In dieser Stadt berichtet Paulus von Zwangsarbeit, die er in Philippi leisten musste. Apg 20,6 EU erwähnt, dass Paulus Philippi mit dem Schiff auf seiner letzten Reise nach Jerusalem verließ. Auch Polykarp schrieb zwei Briefe an die Gemeinde in Philippi.

Wikipedia

Das Ausgrabungsgelände liegt nur ca. zehn Kilometer nordwestlich, wir sind also schnell dort, allerdings in der Mittagshitze.


Der Eingang zum Ausgrabungsgelände


Das Theater

Nach der Besichtigung des Theaters gibt Lis wegen Hitze auf. Ich will aber mehr und mache mich auf zu einem Rundgang, weigere mich aber dann doch, dieses riesige Feld zu durchmessen, auf dem sich derart viele Menschen tummeln und auf das die Sonne unbarmherzig herab brennt.

Ein Unikum

Die folgende Säule verdient besondere Beachtung, denn eine mit christlichem Insignien geschmückte antike Säulen, gibt es nur hier:


Das gibt es nur in Filippoi: Antike Saulen mit christlichem Kreuz


Das grosse Ausgrabungsfeld

Ich war knapp eineinhalb Stunden unterwegs; das reicht. Von der Sonne mehr als verwöhnt lassen wir uns zu einem Imbiss nieder, ohne uns anzustellen – wir lassen uns ganz einfach bedienen …

Mehr Fotos in Google Fotos, ganz am Artikelende

Amfipolis

Nicht, dass jemand auf den Gedanken kommt, das wäre es gewesen für heute. Nachdem wir uns gestärkt haben, geht es im Grossen Bogen nach Norden weiter über Doxáto …

… um den Gebirgsstock herum nach Amfipolis (Ἀμφίπολις); wir folgen damit der antiken Via Egnatia, ohne dass wir etwas von ihr bemerken. Es lässt sich leicht nachlesen, was es hier alles zu bestaunen gäbe. Zum Beispiel die grösste bisher in Griechenland aufgefundene Grabanlage auf dem Kasta-Hügel, die erst 1960 entdeckt wurde. Sie wäre natürlich das Glanzlicht des Tages gewesen. Allein, der Zugang ist verwehrt und wir finden ihn auch gar nicht.

Google Earth

Der Kasta Hügel liegt 2,5 Kilometer nordöstlich der Akropolis. Seit den 1960er Jahren ist die Existenz eines Grabes auf dem Kasta Hügel bekannt, 2012 begann man mit den Grabungsarbeiten. Im Sommer 2014 wurde ein aufwändig gestalteter Eingangsbereich freigelegt, er besteht aus der Abfolge: Versiegelungsmauer, einem von zwei Sphingen behüteten Durchgang, einem erdgefüllten Vorraum, einer zweiten Versiegelungsmauer und im Anschluss einem Tor mit zwei Karyatiden. Es handelt sich um die größte Grabanlage, die bisher in Griechenland gefunden wurde. Die Anlage ist von einer 497 Meter langen und drei Meter hohen Mauer aus Marmor umgeben, der von der Insel Thassos stammt. Der Grabhügel ist ca. 30 Meter hoch, 250000 m³ Sand wurden benötigt, um ihn aufzuschütten. Das Grab soll im späten 4. Jahrhundert v. Chr. (325-300) erbaut worden sein.

Wer in dem Grab beigesetzt wurde, ist unbekannt. Anfängliche Spekulationen, dass Alexander der Große hier seine letzte Ruhe fand, haben sich bisher nicht bestätigt. Teile der das Grabmal umfassenden Mauer wurden während der römischen Periode entfernt, einzelne Steine könnten in der Basis der Statue des Löwen von Amphipolis verwendet worden sein.

Wikipedia

Links:

Zum oben erwähnten Löwen kommen wir gleich noch. Was wir zunächst finden sind die Reste des im Jahr 1367 erbauten byzantinischen Turms von Marmarion, ein Turm, der aus den kuriosesten Teilen zusammengesetzt wurde; offensichtlich gab es da bereits eine Menge Trümmerteile …

Die Brücke

Wir suchen und finden auch die Reste der hölzerne Brücke über den Strymon. Allerdings finden wir auch hier keinen Zugang, die Fotos der zahlreichen bis heute erhaltenen Holzpfeiler liegen also hier hinter Gittern.

Die Ausgrabungen begannen 1977 und wurden ein Jahr später beendet. Die vorgefundene Konstruktion zeigt, wie in der Antike Brücken konstruiert und gebaut wurden. Die frühesten Funde datieren aus der Zeit um 500 v. Chr. Die Brücke war 275 Meter lang und ist mit dem Tor Γ (Gamma) der Nordmauer verbunden. Sie wurde von Pfeilern aus Eichenholz getragen, deren Enden teilweise mit Eisen verstärkt wurden. 101 dieser Pfeiler sind erhalten. Davon befinden sich 24 innerhalb von Tor Γ, 77 Pfeiler liegen außerhalb. Die Pfeiler am niedrigsten Punkt des Ufers wurden während der klassischen Periode gesetzt, die höchsten Pfeiler während der römischen oder gar erst während der byzantinischen Periode. Es existiert nur noch die Konstruktion auf der Ostseite des Strymon, die Pfeiler auf der Westseite wurden bei Bauarbeiten zwischen 1929 und 1932 zerstört.

Thukydides hat die Brücke in seiner Beschreibung der Schlacht von Amphipolis 422 v. Chr. wie folgt erwähnt: „Zu dieser Zeit empfingen sie Brasidas in ihrer Stadt und revoltierten gegen die Athener in derselben Nacht. Vor Tagesanbruch brachte er (Brasidas) seine Armee über die Brücke, die in einiger Entfernung von der Stadt lag und nicht mit deren Mauern verbunden war, so wie sie es heute ist. Brasidas überwand die Wache an der Brücke mit Leichtigkeit. Teilweise war Verrat der Grund, teilweise das stürmische Wetter und die Tatsache, dass der Angriff unerwartet kam“.

Wikipedia

Zum Aufsuchen weiterer Sehenswürdigkeiten hier oben fehlt uns jetzt die Kraft; es reicht, besonders, nachdem wir das Senfle erfolgreich gewendet haben und zurück auf der Strasse sind. Aber unten am Strimon, da wartet …

… Der Löwe …

… auf uns. Diesen riesigen Löwen von Amphipolis kennen wir seit September 2008, als wir von Gotse Delchev in Bulgarien hier vorbei kamen. Am Fusse des Monuments fanden wir zwei wirklich süsse Hundebabies, die winselnd um Futter und vor allem wohl Wasser bettelten. Wasser konnten wir ihnen geben, aber was aus ihnen geworden ist …?

Asprovalta

Ab jetzt fangen wir an, eine Unterkunft zu suchen, entlang der Strecke, auf der wiederum die Via Egnati verlief. Deshalb muss es hier was geben, hier an der Strasse, nahe der Küste mit ihren mehr oder weniger romantischen Stränden. Nach längere Fahrt lassen wir uns etwas entnervt hier in Asprovalta nieder, einem tristen Ort, der fast ausschliesslich vom Tourismus lebt.

Nach einem kleinen Ausflug an den Strand ist Schluss für heute. Aber mehr ist hier auch nicht – kein Platz für einen Urlaub, ganz sicher nicht, Sonnenuntergang hin oder her.

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* Rund Europa 2019 (5), 7. Tag: Orestiada – Fanari

Montag, 09.09.2019, 20:37:06 :: Fanari (Fanari Fanárion 69100), Pension »Aqua Blue«
Freitag, 10.01.2020, 22:28:04 :: Naxos
Sonntag, 19.01.2020, 18:32:05 :: Naxos

Sonntag, Ruhetag

Gestern hatten wir Ruhetag und am Abend einen herzhaften Gaumenschmaus in einer typischen Sonntags-Familien-Taverne, irgendwo in der Pampa. Das ist die Art von Taverne, in die viele Griechen mit der ganzen Familie am Sonntagmittag (!) zum Essen gehen. Die Erwachsenen reden und lassen ordentlich auftischen, die Kinder krakeelen draussen im Garten und kommen ab und zu zum Kurz-mal-Essen-fassen am Tisch vorbei. Um 16 Uhr oder kaum später ist alles vorbei, dann ist die Taverne wieder leer.

Es ist alles reichlich-griechisch und wir hinterher erledigt.

Nach Süden ans Meer!

Ein letzter, fast sehsüchtiger Blick zurück auf das Schwimmbecken, dann verlassen wir Orestiada in Richtung Süden. Denn heute wollen wir das Meer sehen. Zunächst aber durchqueren wir weite, steppenartige Ebenen.

In Didymoteicho machen wir halt, Geld fassen. Lis sucht den Bankomaten und ich suche mir einen schattigen Platz für eine Cappucchino. Das Städtchen hat nicht nur eine markante Kirche auf einem kleinen Hügel – sie haben sich auch einen putzigen Jagdflieger eingefangen. Und das ist noch lange nicht alles, wie Wikipedia zu berichten weiss; also gelegentlich …

Nach einer kurzer Diskussion während wir schon weiterfahren lassen wir an der entscheidenden Stelle Alexandroupolis als nächstes Ziel fallen. Als Glied der ehemaligen Orientbahn wurde die Stadt erst im Jahr 1871 unter dem Namen Dedeağaç gegründet. Insofern wäre sie interessant, aber wir verzichten für dieses mal, lassen sie südlich liegen und verlassen die Autobahn (die nennt sich hier schon Odos Egnatia!), um endlich zu tanken.

Links:

Ein Schild meint, in sechs Kilometern wäre eine Tankstelle. Die ist aber geschlossen, wie wir feststellen müssen. Ein Warnschild »Hund!« registriere ich und gehe zum Häuschen, um zu fragen, ob es irgendwann Benzin geben wird. Da kommt bellend ein Schäferhund mit langer nachschleppender Kette auf mich zu. Was tun? Ich stelle mich einem Angriff. Was nichts nützt. Er kommt von der Seite und beisst mir in den Oberschenkel. Aber ich habe grosses Glück: die Hose hat ein Loch, der Oberschenkel nur einen grösseren Bluterguss. Dass die Kette auf einem Stahlseil läuft, erkenne ich erst später. Ich hätte also nur nach hinten weglaufen müssen. Jedenfalls, Benzin gab’s keins.

Via Egnatia

Ein Gutes hat der Abstecher: Da wir nun die alte Strasse nach Komotini fahren, sind wir ein Stück weit auf der antiken Via Egnatia und bekommen ein Gefühl wie sie einst durch die Berge hier lief. Mehr aber auch nicht. Denn was wir vorfinden, ist ernüchternd wenig. Ohne das Hinweisschild wären wir vorbei gefahren. Und das Tor ist verschlossen. Aber gemach: Ich weiss, dass wir in den nächsten Tagen ein Originalstück betreten werden …

Und ob das die Via Egnatia sein soll oder ob die erst nach einem Fussmarsch sichtbar würde – wir wissen es nicht, denn die Schautafel ist auch nicht sehr aussagekräftig.

In den Dörfern stehen schmucke neue Moscheen. Es war eben (und ist es teils heute noch) gemischtes Siedlungsgebiet, so wie im türkischen Teil Thrakiens auch – bis 1923 …

Memories …

Wir entschliessen uns, nicht bis Kavala zu fahren, sondern wieder in Fanari Halt zu machen, wie im April 2006, als wir von Edirne her kamen. Und so fahren wird durch Baumwollfelder hinunter ans Meer.

Fanari ist jetzt ein richtiger touristischer kleiner Ort mit vielen Zimmern und Restaurants, vor 13 Jahren schien es uns bedeutend kleiner …

Wir finden durch Vermittlung einer Hoteldame (sie hat voll! Griechen, Türken.) ein geräumiges Apartment für 40 €. Minimale Mängel, aber zwei Schlafzimmer und überall Fliegengitter, so dass die Fenster nachts alle offen sein können. Klimaanlage tut auch, also was noch?

Und der Sonnenuntergang beim Abendessen ist auch von solider griechischer Qualität … Das finden sicher auch unsere Essensgäste, die ständig angeflogen kommen, wohl in der anerzogenen Meinung, sie bekämen was von uns. Ärgerlich krähen sie und fliegen eine neue Runde.

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* Rund Europa 2019 (5), 5. Tag: Nova Zagora – Orestiada/Neos Pyrgos

Samstag, 08.09.2019, Samstag, 17:45:38 :: Neos Pirgos, Hotel Estia
Montag, 09.09.2019, 21:21:21 :: Fanari
Freitag, 10.01.2020, 15:16:29 :: Naxos

Es ist ganz sicher Zufall, dass wir am Ende des Tages schon wieder in einem Hotel mit dem Namen der Herdbeschützerin Hestia gelandet sind (im Griechischen Ἑστία), zuletzt in Călăraşi (in Rumänien, nicht im zuvor besuchten gleichnamigen Ort in Moldawien).

von der Visitenkarte

Links:

Aber der Reihe nach. Nach einem spärliches Frühstück am Straßenrand fahren wir los nach Swilengrad, Grenzstadt zu Griechenland. Das ging recht flott, da die Strassen fast durchgehend sehr gut sind; bis auf mache Ortsdurchfahrten, da ist wohl ein anderer Geldgeber zuständig beziehungsweise eben niemand. Es ist bergig, eine sehr ruhige waldige Landschaft. Teilweise wird es auch wieder stepping mit wenig Bäumen. Die Getreidefelder sind abgeerntet, zuweilen brennen riesige Flächen.


Der Ortsnamen zeigt, wie weit das Habsburger Reich schon mal gekommen war

Die Dörfer sind in einem sehr traurigem Zustand, viele Häuser verlassen, verfallen, keine Farbe, verwahrlost, oft auch ganz verlassen.


Selbst Polnisch taucht hier auf, »Klein-Polen« vielleicht, denn »gradets« heisst »kleine Stadt«


Bescheidene Landwirtschaft und moderne Technik, kein Gegensatz hier

Und so landen wir in Swilengrad, letzte bulgarische Stadt an der Grenze zu Griechenland und ganz offensichtlich ein beliebter Ausflugsort für vergnügungs- und spielsüchtige Griechen und Türken. Sicher auch einer der bevorzugten Orte, wohin Griechen ihr Bargeld während der letzten schweren Krise gerettet haben.

Die Stadt ist voller Hotels und Spielbanken, teils fertig, teils noch im Bau.

Die Mustafa Pasha Brücke

Aber die Stadt hat auch ein wirkliches Schmuckstück für uns bereit: Die osmanische Mustafa-Pascha-Brücke von 1529 ist zufällig die grosse Überraschung des Tages, ehe wir auf der Autobrücke über die Maritsa nach Griechenland entschwinden: In 21 majestätischen Bögen überspannt sie die aufgestaute Maritsa und erinnert mich sogleich an die Drina-Brücke in Višegrad, die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke, die durch Ivo Andrićs Weltklassiker Die Brücke über die Drina auch literarisch berühmt wurde. Allerdings ist die Drinabrücke deutlich kürzer und hat nur 11 Bogen (gegenüber 21 der in Svilengrad):

The Old Bridge in the southern Bulgarian town of Svilengrad is a 16th century arch bridge over the Maritsa River. It is 295-meters long, 6 meters wide, and has 21 arches. It was built in 1529 AD as the first major work of the most famous Ottoman architect Mimar Sinan. It was part of a medieval Ottoman waqf complex (a property given to a religious establishment for charity purposes, which existed near the bridge). It included a caravanserai (inn), a mosque, a bazaar (market), and a hammam (Turkish bath). The only of these structures to survive to this day is the Turkish bath which has been renovated and turned into an art gallery. It is around this complex that the town of Svilengrad developed. Some historical sources allege that the Ottoman complex near the bridge was built at the initiative of legendary Roxelana (1502-1558), the favorite wife of Ottoman Turkish Sultan Suleiman I the Magnificent (r. 1520-1566 AD), an ethnic Ukrainian.

During the period of the Ottoman Yoke, i.e. when Bulgaria was part of the Ottoman Empire (1396-1878/1912), Svilengrad’s Old Bridge was known as Mustafa Pasha Bridge because its construction was ordered by Coban Mustafa Pasha, an Ottoman statesman and vizier. A flood destroyed some of the arches in 1766, and they were rebuilt in 1809. The Ottoman army unsuccessfully tried to destroy the Old Bridge as it was fleeing the Bulgarian advance after the Battle of Lule Burgas during the First Balkan War in November 1912.

The Old Bridge in Bulgaria’s Svilengrad is comparable to the Mehmed Pasa Sokolovic Bridge on the Drina River in Visegrad, Republika Srpska, Bosnia and Herzegovina, which, too, was built by Ottoman architect Mimar Sinan but much later in his career – in 1577 AD. However, Visegrad’s Mehmed Pasa Sokolovic Bridge is much shorter: it is 179 meters long, and has 11 arches. The other major difference between the two bridges of the legendary Ottoman architect is that the bridge in Bosnia was proclaimed a UNESCO World Heritage Site in 2007, while the bridge in Bulgaria lacks that status.

Archaeology in Bulgaria: The old bridge of Svilengrad

Deutsche Übersetzung (Google):

Die Alte Brücke in der südbulgarischen Stadt Swilengrad ist eine Bogenbrücke aus dem 16. Jahrhundert über den Fluss Mariza. Es ist 295 Meter lang, 6 Meter breit und hat 21 Bögen. Sie wurde 1529 n. Chr. als erstes bedeutendes Werk des berühmtesten osmanischen Architekten Mimar Sinan erbaut. Sie war Teil eines mittelalterlichen osmanischen Waqf-Komplexes (ein Gebäude einer religiösen Einrichtung für wohltätige Zwecke, die in der Nähe der Brücke stand). Er umfasste eine Karawanserei (Gasthaus), eine Moschee, einen Basar (Markt) und ein Hamam (Türkisches Bad). Das einzige Gebäude, das bis heute erhalten ist, ist das Türkische Bad, das renoviert und zu einer Kunstgalerie umgebaut wurde. Um diesen Komplex herum entwickelte sich die Stadt Swilengrad. Einige historische Quellen behaupten, dass der osmanische Komplex in der Nähe der Brücke auf Initiative der legendären Roxelana (1502-1558) erbaut wurde, der Lieblingsfrau des osmanisch-türkischen Sultans Suleiman I. des Prächtigen (reg. 1520-1566 n. Chr.), einem ethnischen Ukrainer.

Während der Zeit des Osmanischen Jochs, d.h. als Bulgarien Teil des Osmanischen Reiches war (1396-1878 / 1912), wurde die alte Brücke von Swilengrad als Mustafa-Pascha-Brücke bezeichnet, da ihr Bau von Coban Mustafa Pascha, einem osmanischen Staatsmann und Wesir, in Auftrag gegeben wurde. Eine Flut zerstörte einige der Bögen im Jahr 1766 und sie wurden 1809 wieder aufgebaut. Die osmanische Armee versuchte erfolglos, die Alte Brücke zu zerstören, als sie während des Ersten Balkankrieges im November 1912 vor dem bulgarischen Vormarsch nach der Schlacht von Lule Burgas floh.

Die Alte Brücke im bulgarischen Swilengrad ist vergleichbar mit der Mehmed-Pasa-Sokolovic-Brücke über die Drina in Visegrad, Republika Srpska, Bosnien und Herzegowina, die ebenfalls vom osmanischen Architekten Mimar Sinan gebaut wurde, jedoch viel später in seiner Karriere – im Jahr 1577 n. Chr.. Die Mehmed Pasa Sokolovic-Brücke von Visegrad ist jedoch viel kürzer: Sie ist 179 Meter lang und hat 11 Bögen. Der andere große Unterschied zwischen den beiden Brücken des legendären osmanischen Architekten besteht darin, dass die Brücke in Bosnien 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, während der Brücke in Bulgarien dieser Status fehlt.

Sowas lockt mich doch immer: Warum nun die Drina-Brücke UNESCO-Welterbe-Status geniesst und diese hier nicht …

Die gleiche Bauweise, derselbe Architekt und ein sehr ähnliche Widmung an den »Bauherren« unterstreichen das noch:

Siehe Mehmed Pascha, der größte unter
den Weisen und Großen seiner Zeit,
erfüllte das Gelöbnis seines Herzens,
und mit seiner Fürsorge und seinem Eifer
erbaute er eine Brücke über den Drinafluss.
Über diesem Wasser, tief und schnellen Laufes,
konnten seine Vorgänger nichts erbauen.
Ich erhoffe von der Gnade Gottes,
dass ihm dieser Bau fest sein möge,
dass ihm sein Leben im Glück verlaufe
und er niemals Trauer erfahre.
Denn zeit seines Lebens hat er Gold und
Silber für Stiftungen gespendet;
und niemand kann sagen,
dass ein Vermögen vergeudet,
das für solche Zwecke verwendet wurde.
Badi, der dies gesehen, sprach,
als der Bau vollendet, folgende Widmung:
Gott segne diesen Bau,
diese wunderbare und herrliche Brücke!

Drinabrücke, Wikipedia

Und hier die Widmung in Swilengrad:

Jedenfalls wartet heute Abend ein herzhaftes Konzert an diesem schönen Ort auf die jungen Leute, die hier im Schatten sitzen und die Anlage wohl bewachen.

An der Grenze nach Griechenland ging alles sehr zügig. In der Raststätte der ersten Tankstelle dann der erste Griechische Metrio! Wir haben es also fast geschafft, das Senfle hat nicht schlapp gemacht, ausser einem von mir selbst beim Zurücksetzten zertrümmerten Rücklicht ist bisher nichts passiert. Möge es den Rest der Strecke so bleiben.

Auf der autobahnähnlichen Schnellstrasse geht es weiter, vorbei an Kastanies, dem Grenzort zur Türkei, wo wir einst im Garten der türkischen Zollstation zum Tee gebeten wurden. Hinüber nach Edirne würde ich heutzutage nicht mehr reisen; die Gefahr, nicht zurück zu kommen, ist zu gross; hier eine Bild vom April 2006. Die Zeiten ändern sich eben nicht immer zum Guten …

Edirne, April 2006

Edirne, April 2006

Orestiada

Der nächste grosse Ort und unser heutiges Ziel ist dann Orestiada, eine Neugründung, wo wir zufällig neben der Polizeizentrale parken: Alles voller hin und her eilender Polizisten, Polizeiautos überall – kurz: Polizei in Hülle und Fülle: Man merkt deutlich, wo wir sind.

Die Stadt wurde 1923 von den griechischen Vertriebenen aus der Gegend des mittlerweile türkisch gewordenen, knapp 20 km nordöstlich gelegenen Edirne (= Adrianoupolis = Orestiada) neu gegründet, daher die exakte schachbrettartige Anlage:

Links:

History of Orestiada

According to the legend, Orestes, in order to escape from the Erinyes (Furies) at the suggestion of the Oracle of Delphi, he headed to the area of ​​Adrianoupolis and the confluence of three rivers: Evros, Ardas and Tontzou. He was bathed and healed of the sin that was haunting him. At this point, he built the city and gave it his name: Orestiada. Slowly Orestiada grew and for several centuries it was the center of Thrace, as it was the seat of the most important Thracian Kings.

In 127 BC the Emperor Hadrian of Rome visited Orestiada, and after he embellished and fortified it, he renamed it Adrianoupolis. This name has been established since then and kept until nowadays even by the Turks, even somewhat altered (Edirne).

In 1361, Adrianoupolis was conquered by the Ottomans and became their first capital city in Europe. In 1920 after the World War I, Adrianoupolis was given to the Greeks after five and a half centuries. The release, however, only lasted 2 and a half years. After the Asia Minor catastrophe and the Treaty of Lausanne, Greeks abandonned definitively Karagatz and Adrianoupolis.

Historisches über Oristiada (English)

Deutsche Übersetzung (Google

Der Legende nach begab sich Orestes auf Anregung des Orakels von Delphi in die Gegend von Adrianoupolis und zum Zusammenfluss von drei Flüssen: Evros, Ardas und Tontzou, um den Erinyes (Furien) zu entkommen. Er wurde gebadet und von der Sünde geheilt, die ihn heimsuchte. Zu diesem Zeitpunkt baute er die Stadt und gab ihr seinen Namen: Orestiada. Langsam wuchs Orestiada und war mehrere Jahrhunderte lang das Zentrum von Thrakien, da es der Sitz der wichtigsten thrakischen Könige war.

127 v. Chr. besuchte der Kaiser Hadrian von Rom Orestiada, und nachdem er es verschönert und befestigt hatte, benannte er es in Adrianoupolis um. Dieser Name hat sich seitdem etabliert und wurde bis heute auch von den Türken beibehalten, obwohl etwas verändert (heute Edirne).

Im Jahr 1361 wurde Adrianoupolis von den Osmanen erobert und wurde ihre erste Hauptstadt in Europa. 1920 nach dem Ersten Weltkrieg wurde Adrianoupolis nach fünfeinhalb Jahrhunderten an die Griechen übergeben. Diese Befreiung dauerte jedoch nur zweieinhalb Jahre. Nach der Kleinasienkatastrophe und dem Vertrag von Lausanne gaben die Griechen Karagatz und Adrianoupolis endgültig auf.


Der Hauptplatz von Orestiada

Die beiden Hotels am Ort, die wir finden, sind beide belegt. Ich finde dann während des Mittagessens in einem der zahlreichen Restaurants (wir sind wieder in Griechenland, was für ein Unterschied zu den Tagen zuvor in Moldawien bis Bulgarien) im Internet das Hotel Estia in Neos Pirgos, im Ort gleich nebenan, sogar mit Schwimmbad. Telefonisch reserviert finden wir wenig später diese total typisch griechische, relativ grosse aber familiäre und fast leere Anlage mit endlich wieder wirklich freundlichen Gastwirtsleuten. Die wirtschaftliche Lage in den vorigen drei Ländern schlägt stark aufs Gemüt, was Wunder. Häufig trafen wir dort auf vergrämte Gesichter und lustlose Menschen. Was doch ein paar Kilometer Landstrasse und eine Flussüberquerung ausmachen. Giurgiu-Russe lassen grüssen! Russe selbst war da allerdings die hervorstechende Ausnahme.

Da schwimmen wir genüsslich und sitzen dann am Abend unten im Aufenthaltsraum, freundliche Wirtsleute, einer spricht perfekt Deutsch, ein fusskranker Hund, nach einem Unfall auf der Strasse gefunden und nach Hause mitgenommen, bettelt um Streicheleinheiten und im TV ist Eröffnung der Industriemesse in Thessaloniki mit langatmiger kirchlicher Messe und einem ewig dümmlich-freundlich grinsenden Mitsotakis samt erblondeter Ehefrau; alles schwitzt und fächelt. Der Patriarch kann kaum durchhalten, mit brechender Stimme zelebriert er seinen Teil der Liturgie, selbst ein Chor mit Stimmenpotenzial fehlt nicht und rettet über kritische Momente hinweg.

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* Rund Europa 2019 (5), 4. Tag: Russe – Nova Zagora

Freitag, 06.09.2019, 17:36:09 :: Nowa Sagora (auch Nova Zagora), Hotel Rio
Freitag, 10.01.2020, 15:16:55 :: Naxos

Heute in Nova Zagora im Hotel Complex RIO zu landen, war nicht unser Ziel. Vielmehr wollten wir heute nach viel Vorbereitung und unter Fernhilfe unseres bulgarischen Freundes aus Naxos (der von dort stammt) im zweiten Anlauf endlich Weliko Tarnovo erreichen und erkunden, nachdem das im September 2016 nicht geklappt hatte (der Beitrag hierüber ist noch gar nicht geschrieben …). Damals fanden wir trotz intensiver Suche keinen Parkplatz in der völlig mit Touristen überschwemmten Stadt.

Pech gehabt

Heute sind wir wieder Pechvögel. Am 6. September ist heiliger nationaler Feiertag, an dem die Vereinigung Ostrumeliens mit dem Fürstentum Bulgarien landesweit gefeiert wird:

… Als langfristiges Ziel wurde die Bildung einer Konföderation aller Balkanstaaten verfolgt. Wegen der begrenzten Mittel entschied man sich jedoch, zunächst einen Aufstand in Ostrumelien zu wagen. Die Vorbereitungen für einen Aufstand wurden inoffiziell auch vom benachbarten Fürstentum Bulgarien unterstützt. Als Stichtag legte das BGZRK den 6. September 1885 fest. …

Wikipedia

Das war europäische Grossmachtpolitik auf dem Balkan: Russland zurückdrängen, die Hohe Pforte nicht verärgern beziehungsweise nicht zu sehr schwächen, einfach neue Staaten zu gründen beziehungsweise anzuerkennen und ein deutscher Battenberg mittendrin – all das findet so oder ähnlich auch heute noch statt.

Kein Wunder also, morgen hätten wir leicht ein Hotelzimmer in Veliko Tarnovo haben können, heute sei alles ausgebucht erklärt die Dame an der Rezeption des zweiten Hotels, in dem Lis vorstellig wird.


Veliko Tarnovo, da oben …

Hotelsuche auf Bulgarisch

So fahren wir ein weiteres und wohl auch das letzte Mal unverrichteter Dinge aus Veliko Tarnovo los, das alle so loben. Aber um ehrlich zu sein: Die Stadt müsste touristenfrei sein, um sie unbeschwert durchstreifen zu können …


Veliko Tarnovo: Durchfahrt …


… durch eine ausgebuchte Sehenswürdigkeit

Was also tun? Auf dem Weg nach Süden liegen zwei Hotels, jeweils am See, da schauen wir doch glatt vorbei. Allerdings erweist sich das erste als schlecht bewohnbar.


Das war wohl mal ein Hotel

Und das zweite an der zum Schrebtschewo-See aufgestauten Tundscha, ist wie zuvor Tarnovo komplett belegt; hier sind es wohl die Angler …

Aber dann eben in Nova Zagora: Nach einigem Suchen und Dranvorbeifahren identifizieren wir schliesslich dead Gebäude Complex RIO als ein Hotel und obwohl wir es immer noch sehr skeptisch von aussen betrachten – unten ist eine recht schmuddelige Pommesbude untergebracht – ist aber dann das Zimmer für 54 Leva (knapp 28 €) völlig ok..

Wie war die Fahrt?

Zunächst sind wir froh, als wir Russe hinter uns gelassen haben und wieder das weite Land sehen mit den endlosen Feldern, schüchterner Walnussbaumbegleitung am Strassenrand, weit wellenden Hügel. Die Dörfer aber kommen uns trauriger und viel ärmer vor, als in Rumänien, wo die Häuschen links und rechts meist irgendwie renoviert und freundlich wirken. Hier in Bulgarien ist so gut wie nichts in einigermassen gutem Zustand.

Die Häuslein geduckter, viele zerfallen, grau-braun alles, kaum einmal Farbe, wenig Grün oder gar bunte Blumen, es ist deprimierend. Wir können es sehen, dass Bulgarien das ärmste der EU-Länder ist. Einzig fällt immer wieder der osmanische touch bei vielen Häusern auf: Die Dächer, die Bogen, die weiten balkonartige Erweiterung des Wohnbereichs im ersten Stock …

Die Strecke über das Balkangebirge …

… ist eine echte Mörder-Strecke.


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Viele LKWs und rücksichtslose PKW-Fahrer. Eine erhebliche Zahl der bulgarischen Autofahrer fährt risikoreich, gefährlich und rücksichtslos, das ist die Erfahrung mehrerer Jahre, sie übertreffen subjektiv alle anderen Europäer. Das verbietet ein entspanntes Fahren.

Allerdings stelle ich bei der Durchsicht der Fotos vom Tage fest, dass wir mal wieder mit blinden und verdreckten Scheiben unterwegs waren. Der Fahrer hat am Morgen vergessen, die Reinigung zumindest der Frontscheibe ordnungsgemäss durchzuführen; entsprechende Schleier sind auf den Fotos, manche sind gar nicht zu gebrauchen. Blöd: Der Fahrer bin ich …

Feierlichkeiten in Nova Zagora?

Ich hatte oben ja geschrieben, dass der Tag landesweit gefeiert wird – 1885 und so weiter. Hier in Nova Zagora ist aber Fehlanzeige, aber völlig. Wir gehen auf dem Hauptplatz zum Essen, wo zwar ein wenig müder Betrieb ist, aber Feierlaune ist nicht zu erkennen, samstäglicher Alltag eher. Und ich bin davon ausgegangen, dass gerade hier, in Ostrumelien, die Feierlaune besonders gross sein müsste. Ok., dafür ist es ruhig, wir können bei offenem Fester schlafen, das Fliegengitter sperrt die gierigen Gespenster aus.

Der Gegensatz zwischen hier in Nova Zagora und Russe oben an der Donau gestern Abend kann aber kaum grösser sein. Während Russe seine Innenstadt prächtig renoviert und aufgeräumt präsentiert, mit Jugendstilhäusern, palastartigen Geschäftshäusern, wirklich vielen Geschäften, Cafés und Restaurants, fällt mir hier die Armut Bulgariens wieder deutlich auf; alles wirkt trostlos – selbst bei feurigem Sonnenuntergang und quietschbuntem Stadtlogo.

Einzig der Springbrunnen, der kräftig nach Chlor riecht, hat eine gewissen Entsprechung mit den Fontänen gestern Abend in Russe. Ja, Bulgarien ist das ärmste der EU-Länder und es wird darin nur noch von Moldawien »überboten«.


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* Rund Europa 2019 (5), 3. Tag: Călăraşi (RO) – Russe (BG)

Donnerstag, 05.09.2019, 17:35:15 :: Russe, City Art Hotel
Mittwoch, 23.10.2019, 22:00:28 :: Galanado

Beim Frühstück in unserem Nobelhotel in Călăraşi sitzen wir wie gewohnt alleine. Und wir verlassen es bei sattem Regen, der Tag fängt also erst mal nicht gut an.

Die Stadt ist eine grosse Baustelle, die Kanalisation wird hier wohl eingeführt oder grunderneuert. Und so fahren wir auch urplötzlich über Geröllfelder. Überraschend sind eben immer wieder die Gegensätze, oft auf wenige hundert Meter kommt man vom Dorf in die Hochhaussiedlung, vom k.u.k.-Kietz in moderne Stadtanlagen.

Die Strecke ist subjektiv betrachtet ein einziges Dorf, ständig unterteilt in Abschnitte unterschiedlichen Namens aber gleichen Aussehens, selbst die Kirchen gleichen sich oft wie die berühmten Eier.

Wir fahren immer so 5–10 km nördlich der Donau, zwischen ihr und uns Felder, wenig Wege; dichter heran zu fahren ist wohl nicht möglich, ausser man riskiert mit hoher Wahrscheinlichkeit, zurück fahren zu müssen. Es ist eben Schwemmland, zuweilen durchzogen von Gräben, Kanälen unterschiedlicher Breite und Seen. Also bleiben wir hübsch auf der einzigen Strasse, die nach Westen führt und erahnen den Fluss dort, wo hohe Pappelreihen ihn vermuten lassen.

Der Blick in die Seitenstrassen zeigt uns immer wieder, wie gebrechlich die Infrastruktur ist: Die Hauptstrassen waren früher schlecht bis leidlich, heutzutage sind sie aber in aller Regel gut, Querwege oder Wege in der zweiten Reihe hingegen deprimierend.

Wenn neu (an-)gebaut wird, dann wohl ausschliesslich mit diesen Steinen, die überall gestapelt herumliegen. Ansonsten merkt man, dass der Winter naht.

Und dann werden wir auf halber Strecke mit dem Wetter doch noch glücklich und die Landschaft beginnt zu strahlen und auch die Radfahrer können aufatmen.

So erreichen wir als ersten grösseren Haltepunkt Giurgiu am Nordufer der Donau.

Giurgiu

Erst hier in Giurgiu sehen wir die Donau wieder. Zunächst aber finden wir dort unverhofft die Taverna La Grecu und essen dort zu Mittag. Die Chefin ist Griechin, der junge Mann, der uns bedient, hingegen Rumäne. Mein Kaliméra geht demzufolge voll daneben beziehungsweise ins Leere, was sein fragender Blick peinlich zum Ausdruck bringt.

Giurgiu war bis zum Beginn des 2. Weltkriegs Haltepunkt für den Orientexpress, in den Jahren davor sogar Endstation auf der ältesten Strecke des Zuges. Man musste den Zug verlassen, mit der Fähre nach Russe übersetzen und von dort aus die Bahn nach Warna nehmen. Von dort ging es dann weiter auf dem Schwarzen Meer nach Konstantinopel. Die Freundschaftsbrücke, über die wir nachher komfortabler ans andere Donauufer nach Russe gelangen werden, existiert nämlich erst seit 1954.

Die Geschichte des Orientexpress‘ ist spannend, wie die Karte unten zeigt. Es lohnt sich, ein wenig lesend beziehungsweise schauend zu verweilen in Agatha Christies Krimi Mord im Orientexpress: Ein Fall für Poirot, den es auch in einer hervorragenden Verfilmung gibt …


Quelle: Wikipedia

Bei der Fahrt zur und über die Freundschaftsbrücke wird am Rumänischen Zoll zunächst offenbar, dass wir in Rumänien ein Vignette für alle Straßen hätten kaufen müssen. Die Strafe beträgt eigentlich 150 €, was natürlich heftig ist. Ein junger Beamter, immer freundlich, macht einen deal: 50 € und wir dürfen passieren, nicht ohne den Hinweis, dass für Bulgarien ebenfalls eine Vignette erforderlich ist; was wir aber von früher wissen.

Russe

Warum ich Russe besuchen wollte muss ich erklären. Karl-Markus Gauß‘ Bücher sind mir sehr wertvoll, wenn es um die Geschichte Osteuropas und die dortigen Minderheiten geht.

Aus einem Interview des Standard mit Karl-Markus Gauss

STANDARD: Die Literatur, Ihre, reagiert auf diese unterschiedlichen Sichtweisen. Der slowenische Autor Drago Jancar hat einmal geschrieben, er kenne keinen zweiten Autor, der die „reale und die imaginäre Grenze zwischen dem Osten und Westen Europas so leicht überwindet“ wie Sie. Wie gelingt Ihnen das?

Gauß: Sofern es mir überhaupt gelingt, dann dadurch, dass ich mir mein Europa reisend in Büchern und in Ländern, also in der Imagination und in der Wirklichkeit, zu erkunden versuche. Ich bin an der Geschichte mit ihren Widersprüchen, aber auch am Augenschein, an der unmittelbar wahrzunehmenden Welt interessiert. Und es reizt mich nur dann zu schreiben, wenn ich mich zu einer Region und ihren Menschen, gleich wo, in eine persönliche Beziehung setzen kann. Ich finde, wenn ich es so sagen darf, dass die Welt überall ziemlich originell ist. Übrigens auch in Estland, aber sicher nicht deswegen, weil dort die Digitalisierung des Alltags am weitesten in ganz Europa fortgeschritten ist.

Meine geistige Gegenwart reicht vielleicht zehn, zwanzig Jahre voraus, aber 200, 300 Jahre zurück. Ausgerechnet in einer Zeit, in der wir technologisch den größten Zugriff auf Informationen über die ganze Welt haben, hat uns ja die globale Amnesie ergriffen. Gegen sie beharre ich starrsinnig auf der Bedeutung von Wissen und historischer Bildung. Ich bin kein Vordenker. Vielleicht manchmal ein Nachdenker. Vor allem aber bin ich ein Liebhaber der Welt, und wer ein Buch von mir liest, soll das ruhig merken. (INTERVIEW: Gerhard Zeillinger, 1.7.2017)

Karl-Markus Gauß: „Europäer wissen wenig von Europa“

 

Als ich Anfang 2017 20 Leva oder tot – Vier Reisen las, stiess ich u.a. auf die Städte Widin und Russe an der Donau. Danach war klar: Diese Städte will ich besuchen. Nun, heute also sind wir hier in Russe; mehr ist dieses Jahr nicht mehr drin.

Der Orientexpress und Europa

Dass in Russe, anders als auf der anderen Donauseite in Giurgiu, der Begriff »Europa« nochmals eine eigene Bedeutung hatte (und offenbar noch hat), zeigt ein Zitat:

Elias Canetti, der seine ersten fünf Jahre in Russe verbrachte, schrieb in seinen im Alter verfassten Erinnerungsbüchern, die ihm jenen Ruhm einbrachten, den er für sein Frühwerk verdiente, ebendies: dass die Leute, wenn einer Russe verließ und die Donau aufwärts fuhr, von ihm sagten, er fahre nach Europa. Hundert Jahre später war es noch immer so, und auch der Kellner, der achtsam auf Deutsch nach unseren Wünschen fragte, war einst aufgebrochen, um sein Glück in Europa zu suchen. Er fand es in Osnabrück, aber es war nicht ungetrübt, sodass er wieder heimkehrte. Was ihm von Deutschland geblieben war? »Mein Deutsch ist schlecht, aber mein Opel ist gut.«

Karl-Markus Gauß: Zwanzig Lewa oder tot. Paul Zsolnay Verlag

Wir finden in Russe nach eigene Runden (das GPS spinnt total in diesen Straßen) schließlich das City Art Hotel, ein Glücksfall, wie sich schnell herausstellt. Es liegt günstig zum Stadtzentrum, beherbergt ein Chinesisches Gartenrestaurant für den Abend und ist spannend restauriert.

Stadtrundgang

Nach dem, was ich bei Gauß über die Stadt erfahren habe, bin ich natürlich gespannt, als wir uns am frühen Abend aufmachen zur Stadterkundung. Sie lohnt sich. Welcher Unterschied zu Călăraşi am Abend zuvor! Die Stadt hat südliches Flair, ist voller Leben, der Park und die Strassen sind voller Erwachsener mit vielen Kindern. Es fühlt sich schon fast wie Griechenland an.

Die prachtvollen Gebäude sind fast durchgehend prächtig restauriert, nur an wenigen Stellen gähnen uns leere Fensterhöhlen entgegen.

Das Abendessen lassen wir uns dann im schon erwähnten Gartenlokal im Hinterhof unseres Hotels schmecken.

Links:

  • Inge Morath: Donau. Mit einem Essay von Karl-Markus Gauß :: „Die Einführung von Karl-Markus Gauss ist ein Meisterstück der Essayistik; auf knappstem Raum vermag er es, Mythos, Geschichte und Realität der Donau zu veranschaulichen, dieses Stroms, der allem Nationalstaatentum widerspricht, selbst wenn er nicht mehr wie einst Abendland und Morgenland verbindet.“ Taja Gut, Neue Zürcher Zeitung

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