* Rund Europa 2019 (5), 2. Tag: Ovidiu – Călăraşi

Mittwoch, 04.09.2019, 19:54:41 :: Călăraşi, Hotel Hestia ****
Sonntag, 06.10.2019, 10:47:15 :: Galanado

Im Hotel Herberth’s haben wir nicht sonderlich gut geschlafen: Es liegt, wie schon am Tag zuvor beschrieben, zwischen mehreren Hauptverkehrsstrassen, die offenen Fenster sind aber zwecks Luft für mich unvermeidlich. Dafür haben sie aber Fliegengitter, so dass Moskitos keine Chance haben. Das Frühstück ist rumänisch, will heissen spartanisch, für 4 € aber irgendwie doch ok.

Ich krame überrascht die Eintrittsbillett von gestern Mittag aus der Hemdentasche und wundere mich darüber zum ersten Mal. Sie scheinen nicht neueren Datums zu sein, wurden aber gestern gelöst und zwar eben in Histria. Altertümer gibt es offenbar auch bei Eintrittskarten.

Über Nacht hat es in unserem Zielgebiet geregnet, die Temperatur ist kräftig auf ein für mich angenehmes Niveau gefallen, hoffentlich bleibt’s beim »es hat geregnet« …

Zur Tagesroute muss ich wohl vorab etwas ausholen: Unser Ziel am nächsten Tag wird Russe an der Donau sein, jedoch am südlichen und damit bulgarischen Ufer. Von Ovidiu aus betrachtet wäre der direkte Weg daher eine Strasse südlich der Donau. Da ist er wieder, der Unterschied zwischen »fahren« und »reisen«. Ich möchte am nördlichen, dem Borcea-Arm der Donau durch die rumänischen Donaudörfer reisen und da landet man dann eben in Călăraşi

Die beiden Donauarme Borcea und der südlichere Alte Donauarm schliessen die Insel Balta Ialomița ein, 830 km² gross und 94 km lang. Teilweise ist sie Naturreservat und des öfteren überflutet, denn sie ragt nur 10-17 Meter aus den Donaufluten.

Nicht alle Inseln in der Donau sind unbescholten, das ca. 250 km weiter westlich liegende Inselchen Belene, auf dem 1944 das erste bulgarisch Arbeitslager errichtet wurde, zum Beispiel:

Der in Bulgarien geborene Ilija Trojanow hat einen Dokumentarfilm über Belene gedreht und eine bittere Reportage über den Ort an der Donau, nein, über das große Vergessen verfasst, das über alles, was in Belene geschah, bis heute verhängt ist. 1944 errichteten die bulgarischen Stalinisten auf der Insel ein Arbeits-und Umerziehungslager, in das Abertausende verschleppt wurden, unter den üblichen Anklagen als vermeintliche Saboteure enttarnt, die sich in die Reihen der Kommunistischen Partei eingeschlichen hatten. In Belene wurden Bauern inhaftiert, die angeblich Tierseuchen in den landwirtschaftlichen Kolchosen herbeigeführt hatten, und Künstler, die mit ihrem dekadenten Formalismus den natürlichen Optimismus der Werktätigen zersetzen wollten. Zahllose Menschen starben an Hunger und Entkräftung, in den eiskalten Wintern, den brühheißen Sommern, in denen sie immerzu arbeiten mussten, Donaulastkähne entladen und wieder beladen. Wie viele es waren, ist bis heute nicht bekannt, denn die Enkel derer, die ihre Landsleute denunzierten, drangsalierten und ermordeten, haben sich in den Besitz des neuen Staates gesetzt, sodass die Akten über die Verbrechen geschlossen bleiben.

Aus: Karl-Markus Gauß, Zwanzig Lewa oder tot – Vier Reisen. Paul Zsolnay Verlag

Ach ja, und Maut: Rumänien und Bulgarien verlangen für die Nutzung jedweder Strassen eine Maut-Vignette. Wer das nicht weiss, zahlt – so wie wir beim Verlassen Rumäniens. 50 € Strafe waren da so mal schnell fällig, »Freundschaftspreis«, wie mir die Dame an der Zollkontrolle lächelnd erzählt.

Gut, durch diese Landschaft am nördlichen Donauufer werden wir also reisen.

Zunächst geht es im Strassengewirr des nach Norden auswuchernden Constanțas über den Nordarm des Donau-Schwarzmeer-Kanals. Dieser Kanal verkürzt übrigens die Verbindung zur Donau und damit zwischen Constanţa und Rotterdam um 370 km. Ja, diese europäische Wasserstrasse ist aktiv!

Quelle: Wikipedia

Sonne ist heute wie gesagt Mangelware, kein Fotolicht …

Die bullige Radarstation am Horizont links erinnert uns daran, dass die USA einige feste Stützpunkte in Constanța haben, neben dem Militärhafen am Schwarzen Meer auch auf dem militärischen Teil des Flughafens Constanța, auf dem die USA mit Wissen und Duldung höchster rumänischer Politiker geheime Foltergefängnisse unterhielten:

Die USA in Rumänien

Neue Stützpunkte in Osteuropa

Zu den Regionen im Bereich des EUCOM, in denen trotz des insgesamten Abbaus ein Zuwachs von Truppen erfolgen soll, gehören eine Reihe von osteuropäischen Staaten. In Rumänien hatten die USA bereits während des Dritten Golfkriegs Truppen stationiert, sie jedoch 2003 wieder abzogen. 2004 bot die rumänische Regierung den USA die erneute Nutzung des Mihail-Kogălniceanu-Militärflugplatzes und nahegelegener Hafenanlagen in Constanța an, ebenso den Marinehafen Mangalia und eine Übungseinrichtung in Babadag. Am 6. Dezember 2005 schlossen die beiden Staaten einen Vertrag, der die Errichtung einer Forward Operating Site vorsieht. US-Truppen sollen neben dem Kogălniceanu-Flughafen, der als einziger Stützpunkt eine ständige Besatzung von rund 100 Mann erhält und Babadag auch Einrichtungen in Cincu und Smârdan nutzen.

Wikipedia

Nach einem am 8. Juni 2007 vom Europaratsermittler zur CIA-Affäre, Dick Marty, vorgestellten Bericht gibt es Beweise, dass auf der Militärbasis geheime Foltergefängnisse untergebracht waren und hochrangige rumänische Politiker davon Kenntnis hatten. Als Personen, die die Foltergefängnisse autorisierten oder zumindest davon wussten und zu verantworten haben, werden in dem Bericht namentlich genannt: der frühere Präsident Rumäniens Ion Iliescu, der dies mittlerweile auch zugegeben hat,[4] der frühere Präsident Rumäniens Traian Băsescu, der frühere Berater des Präsidenten für nationale Sicherheit Ioan Talpeș, der frühere rumänische Verteidigungsminister Ioan Mircea Pașcu und der frühere Kopf des Direktorats für den militärischen Nachrichtendienst Sergiu Tudor Medar.

Wikipedia

Nachdem wir uns zunächst verfranst haben, weil die GPS-Dame die aktuellen Strassen hier nicht so recht beherrscht, gelingt uns doch die Überfahrt über die beiden Donauarme nach Feteşti.

Obst- und Weinplantagen, oft bis zum Horizont, wechseln mit dörflichen Ausblicken, selbst Moscheen fehlen hier nicht.

Man kann sich diese Brücken nicht kolossal genug vorstellen. Obwohl wir diesen Übergang über die Donau in der Gegenrichtung schon 2006 und 2010 genutzt haben, sind wir wieder sehr beeindruckt über die beiden 1,7 km und ca. 500 m langen mittlerweile stillgelegten „Märklin“-Konstruktionen der Podul Regele Carol I, die zur Insel Balta Ialomița führt. Mittlerweile wird für die Passage Maut erhoben, das gab’s früher nicht, knapp 3 € verschmerzen wir aber locker.

Links:

  • Die Vorgängerin der heutigen Brücke: Die König-Karl-I.-, später in Anghel-Saligny-Brücke umbenannt. Sie wurde 1895 fertiggestellt. Nur rund 50 m weiter südlich bzw. flussaufwärts steht die 1987 eröffnete, meist einfach Cernavodă-Brücke genannte, kombinierte Eisenbahn- und Autobahnbrücke, die die Anghel-Saligny-Brücke ablöste.

An der schönen blauen Donau?

Naja, blau geht heute garnicht. Es ist bedeckt und wir sind dankbar, dass es wenigstens nicht regnet. Wir passieren viel mehr Dörfer, als ich vermutet habe, Einblicke ins bäuerliche Leben, mal dicht am Wasser, mal weiter entfernt, die Donau aber bleibt die Leitschnur, das merken wir immer wieder.

Die Bebauung ist wie fast überall in Osteuropa, die Unterschiede zwischen Polen und Rumänien, viel weiter südlich, verwischen zuweilen; es sind beim genaueren Hinsehen fast alles Relikte des schief gegangenen sog. Sozialismus.

Auffällig immer wieder die grossen Silos am Strassenrand. Hier werden wohl Getreide und Sonnenblumenkerne gesammelt, vermute ich. Und immer wieder die Storchennester in grosser Zahl, besonders, je näher wir dem Wasser sind. Wie weit hinunter werden wir ihnen wohl noch begegnen?

Die Gegensätze aber bleiben: Aktuelle durchbrausende Automodelle und die Pferdewagen, die Tierfutter und Menschen transportieren, aber durchweg mit Gummibereifung, die Strassen wären sonst endgültig nicht mehr zu gebrauchen.

Geben wir diesen Ländern aber die Ehre: Im letzten Jahrzehnt sind die meisten Strassen auf dem Stand – ausser man sucht so wie wir die kleinsten, meist mit vier Ziffern gekennzeichneten, da wird Asphalt dann zu Geröll und Staub, ob in Lettland oder in Bulgarien (Estland lass‘ ich aus, groooße Ausnahme!).

Unsere kurzen Abstecher ans Ufer enden zuweilen abrupt, zusammen mit dem Sträßchen oder zuletzt im Feinststaub bei einer kleinen Fähre.

Kirchen

Der Stil der Kirchen ist sehr unterschiedlich, ich vermute später, dass wir wieder mit dem enormen Mix an unterschiedlichen Nationalitäten zu tun haben: Hier siedeln neben Rumänen auch Ungarn, Türken, Bulgaren, Russen und Lipowaner, von denen ich bisher nichts wusste.

Nachdem wir gestern an der Ausgrabungstelle von Histria ein Restaurant mit Griechischer Musik als Dauerberieselung vorfanden (Histria als Kolonie des ionischen Milet gegründet), landen wir heute im Griechischen:

Die Göttin Hestia, nach der unser Hotel (**** !) benannt ist, ist in der griechischen Mythologie die Göttin des Familien- und Staatsherdes, des Herd- und Opferfeuers und eine der zwölf olympischen Götter, u.a. immerhin die Schwester des Zeus. Wir dürfen in diesem Haus in Călăraşi also einiges erwarten.

Unerwartet

Die äussere Ausstattung lässt uns daher zunächst erschaudern ob des Pomps, der Preis hingegen erfreut uns (45 € m.F.). Nur bei den Details, da hapert es: Im Bad tropft das Heizungsrohr und die Klimaanlage schafft es nicht, die Temperatur auf ein erträgliches Mass zu senken. Da bleibt nur die Flucht hinunter in den Terrassenbereich des Restaurants, da ist Schatten und ein kühlender Wind. Und Eiscreme. Und Cappuccino …

Stadtrundgang

Am Abend, als die Tageshitze sich etwas gelegt hat, machen wir uns auf den Weg zur Stadtbesichtigung.

Viel gibt es wohl nicht, was man Touristen bieten könnte. Nur wenige alte Gebäude, heruntergekommen, wie in noch vielen Städten Rumäniens, die unter Ceaușescu teilweise ja komplett abgerissen und neu aufgebaut wurden; insofern bin ich zufrieden, wenigsten ein paar der alten und reich verzierten Gebäude ausmachen zu können.

Wichtig wäre das Alltägliche: Es ist traurig und oft widersprüchlich, was wir zu sehen bekommen – Rumänien ist arm, das sieht man auch hier überall deutlich, wiewohl zum Beispiel der Gerichtskomplex pompös dasteht. Hingegen modern noch stehende alte aber respektable Prachtgebäude vor sich hin, wie zum Beispiel die ehemalige Kreisverwaltung von Călărași; die Polizeiwache versteckt sich noch irgendwo hinter einem Seitenflügel im Wäldchen.

Das Gerichtsgebäude präsentiert sich transparent mit viel Glas, ein »viel versprechender« Stand der korrupten und verrufenen Regierungspartei PSD – Partidul Social Democrat wirbt für irgend etwas, das Krankenhaus macht den Eindruck, den fast alle postsozialischen Krankenhäuser in Osteuropa machen und die Kirchen ducken sich irgendwo dazwischen.

Historisches

Von Vögeln verunstaltet und ziemlich allein gelassen treffen wir zunächst auf die Büste von Barbu Dimitrie Știrbei, einem Politiker der Revolutionsjahre 1848 ff., der wohl u.a. auch hier wirkte. Er blickt stumpf auf den neuen Prunkbau der Bezirksverwaltung, Die stolz ihre Fahnen in den Himmel streckt.

Und wir begegnen Tudor Vladimirescu als unscheinbare, zur Seite gesetzte und verwitterte Büste im Hof, einem der massgeblichen Anführer des rumänischen Aufstands gegen das osmanische Reich, 1821. Ausgerechnet der, der den ersten griechischen Aufstand total vermasselt hat, Alexander Ypsilantis, liess ihn hinrichten, als er ihm aus dem Ruder lief.

Tudor wurde vermutlich 1780 in Vladimir im Kreis Gorj in einer Bauernfamilie geboren. Er war Güterverwalter eines Bojaren. In den Jahren 1806 bis 1812 nahm er auf russischer Seite als Mitglied und Kommandeur des Pandurenkorps an dem Russisch-Türkischen Krieg teil. Später schloss er sich der Philike Hetairia an. 1821 stellt sich Tudor Vladimirescu an die Spitze einer revolutionären Bewegung gegen das Feudalsystem und die türkische Vorherrschaft und war Anführer eines Volksaufstandes in der Walachei und der Moldau. Am 29. März 1821 folgte die Besetzung Bukarests durch ihn. Die anschließenden Verhandlungen mit dem Ziel, den Einmarsch türkischer Truppen in Bukarest zu verhindern, wurden von Alexandros Ypsilantis als Verrat angesehen. In der Folge ließ dieser Vladimirescu festnehmen und hinrichten.

Wikipedia

Und so bin ich beim Niederschreiben doch erstaunt, was wir alles entdeckt haben, so ganz ohne Reiseführer, auch wenn wir das Donauufer mit seinen Grünanlagen, von dem uns nur noch 300 Meter trennten, verpasst haben. Wer weiss: Da wir Călărași im September 2016 unbesehen passiert haben, um auf die Fähre nach Silistra in Bulgarien zu gelangen, …


2016-09-18 Reni – Rasgrad

… dieses Mal immerhin herumspaziert sind – vielleicht klappt es ja das nächste Mal, denn irgend etwas muss man sich schliesslich aufheben für’s nächste Mal.

Links:

Google-Fotos

Veröffentlicht unter Donau, RO, Rumänien, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019 (5), 1. Tag: Murighiol – Halmyris – Babadag – Histria – Ovidiu

Dienstag, 03.09.2019, 22:24:05 :: Ovidiu, Hotel Herberth’s
Montag, 30.09.2019, 15:11:14 :: Galanado, Ergänzungen

Unsere »Pensiunea Cristian« hier in Murighiol ist wohl ein ehemaliger Bauernhof, umgebaut zur Unterkunft und als Familienunternehmen betrieben, familiär, freundlich und einfach.

Wegweiser zur Pension

Gastraum der Pession

Und so ist auch das Frühstück: reichlich und deftig. Wir haben es eilig, die Sonne wird uns wieder zusetzen. Wir fahren also los.

Halmyris

Dass die Schwarzmeerküste, die Dobrudscha und weiter bis über die Krim hinaus schon früh von griechischen Kolonisten besiedelt wurde, ist eher wenig bekannt, dass die Römer nachzogen schon eher. Erstaunt bin ich allerdings über das Ausmass.

Halmyris zum Beispiel liegt hier vor der Haustüre, dicht bei unserem derzeitigen »Wohnort« Murighiol. Deshalb wollen wir in aller Frühe dort vorbei schauen, wenn es noch nicht so heiss ist. Denn das wird es werden – ein heisser Tag. Das Donaudelta hat sich ja über die Jahrhunderte sehr verändert, Halmyris lag zum Zeitpunkt seiner Gründung durch die Römer direkt am Wasser und war ein wichtiges Zentrum, im Gegensatz zu späterer Zeit, als die Donau ihren Weg wegen Erdbeben veränderte. Hierdurch wurde diese so wichtige Festung und Siedlung zusehends unwichtiger und wurde verlassen.

Dass Halmyris auf dieser Touristenkarte nicht ausgewiesen ist, ist bedauerlich, aber andererseits auch nachvollziehbar, denn …

… Was wir vorfinden, ist eine einsame, kaum erkennbare Ausgrabungsstätte, über die wir bisher wenig lesen konnten. Es wird hier noch viel Jahre gebuddelt werden, wie aus der sehr interessanten und aktuellen Webseite und der auf Facebook hervorgeht. Man erhält dort auch unmittelbare Eindruck über die Studenten und ihre Erfahrungen beim Graben. Nur: Als wir ankommen, ist niemand da.

Die ältesten Heiligen Rumäniens

Aus byzantinischer Zeit hat man in der Krypta der freigelegten byzantinischen Kirche die Knochen zweier Märtyrer, Epiktet und Astion, gefunden.

Man weiss, dass die Heiligen Epiktet und Astion im Jahr 290 n. Chr. während der von Diokletian angeordneten Verfolgungen in Halmyris das Martyrium erlitten haben. Und von den beiden stammen die Skelette wohl. Sie sind damit die ältesten Heiligen Rumäniens.

Das Kloster …

… das ein paar hundert Meter weiter östlich stehen soll, entpuppt sich als Baustelle. Auch hier wird wohl zur Erreichung des Ziels noch gehörig Zeit vergehen.

Und das alles läuft unter der Überschrift »Operationelles Programm für die Fischerei«. Offensichtlich seit 2016 …


Links:

Wir umrunden das Nordufer des Razim-Sees und weitere kleinere Seen, die alle aufgrund der weiten flachen Landschaft meist nicht zu sehen sind, die Windparks auf den ein wenig entfernteren Hügelketten aber dagegen schon.

Und einmal landen wir dann doch am Ufer.

Kirchen sind karg gesät, verfallene Häuser dagegen nicht. Auch Storchennester finden wir überreichlich; kein Wunder, denn es ist feucht hier, leicht zu erkennen, wenn man durch hohe Schilfalleen fährt. Die Felder sind abgeerntet, gelb, nur in den Obstplantagen stehen die Bäumchen saftig grün.

Aber in den Dörfern verkommt das Obst am Boden.

Was wackere Radtouristen hierher verschlägt, das müsste man sie fragen; aber wir fahren immer wieder nur dran vorbei.

Babadag

Babadak ist die nächste grössere Ortschaft auf dem Weg nach Süden. Sie soll eine Moschee und ein Mausoleum des Derwischs Baba Sari Saltuk beherbergen, auf beides bin ich gespannt. Doch wir finden zwar die Moschee mit einem kleinen Nebengebäude aber keine erklärenden Informationen.

Ob es sich hierbei um das Mausoleum handelt, bezweifle ich, da es 1488 eingeweiht worden sein soll, an der Moschee aber die Jahreszahl 1610 zu finden ist.

Nachdem das nur wenige hundert Meter entfernte Museum sich im Umbau befindet und deshalb geschlossen ist, ziehen wir enttäuscht weiter.

Histria

Und so landen wir an diesem heißen Tag genau zur Mittagszeit in Histria, das einst als Kolonie der ionischen Stadt Milet gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. gegründet wurde. Ihren Namen erhielt sie von der Donau, deren Unterlauf die Griechen Istros nannten und die bei Histria ins Schwarze Meer mündete.

Hier stiegen wir 2006 aus dem Süden kommend und auf dem Weg nach Tulcea schon einmal aus – und standen vor verschlossenen Toren.


Links 2019, rechts 2006 (Google Earth, aus ca. 600 m)

Diesmal gibt es hier ein schönes offenes Museum, eine Kasse und sinniger- und glücklicherweise auch ein griechisches Lokal. Dort setzen wir uns nach einem Rundgang durch das Museum zum Ausruhen und zu einem Mittag-Snack.

Ich wage dann einen kurzer Rundgang bei prallem Sonnenschein durch die Ruinen und finde nichts Weltbewegendes. Von den griechischen Befestigungsanlagen gibt es nur einen lächerlichen Mauerrest, alles andere stammt aus der Zeit der späteren römischen Besiedlung.

Verloren im Bauboom

Nördlich von Constanța haben wir zuvor dicht am Wasser, was wir ja lieben, einige Hotels ausgemacht, die wir nun ansteuern. Anzusteuern versuchen. Es wird zur extrem holprigen Irrfahrt durch die Riesenbaustelle am Strand auf der Halbinsel, nichts ist fertig außer der Strandpromenade und wohl ein paar Apartments.

Das ganze in Chaos, Staub, Lärm und Baugelände. Selbst die beiden Hotels, die Gäste aufzunehmen scheinen, entsprechen nicht ganz der Lage, die wir uns wünschen. Entnervt geben wir auf.

Weiter geht’s ein paar Kilometer weiter nach Süden, nach Ovidiu. Dort finden wir wie beschrieben das Hotel Herbert‘s, das wir zuvor im Internet ausgemacht haben, tatsächlich am vorgesehenen Platz und ziehen dort ein. Es liegt mitten im Zwickel von stark befahrenen Strassen.

Aber wir haben genug und freuen uns auf eine ausgiebige Dusche. Wir sind geschafft. Die Betten sind gut, die Klimaanlage tut …

Das noch zum Abschluss: Ovidiu heisst natürlich nicht zufällig so:

Der Ort wurde 1650 unter dem Namen Siliște erstmals urkundlich erwähnt. Im Zuge der Kolonisierung durch Türken erhielt er die türkischstämmige Bezeichnung Canara. 1930 – in der Ära Großrumäniens – erfolgte die Umbenennung in Ovidiu nach dem römischen Dichter Ovid, der auf einer Insel der nahegelegenen Lagune begraben sein soll.

Wikipedia

Das wäre das richtige Plätzchen für unser Hotel gewesen, am Wasser und nahe dem Dichter der Metamorphosen

Google Fotos

Veröffentlicht unter Kultur & Kunst, RO, Rumänien, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019: Die 5. und letzte Etappe

Montag, 02.09.2019, 21:58:54 :: Murighiol, Pension Christiana

Die Zeit reicht nicht aus, um ausführlich zu berichten. Daher hier nur kurz unser Reiseplan, den wir ab morgen umsetzen möchten, um nach Thrakien und Mazedonien und damit ans Mittelmeer zu gelangen. Von Alexandropolis findet sich ein Weg nach Thessaloniki und Athen mit einigen Zwischenstationen entlang der Via Egnatia – aber wie gesagt: Die Zeit reicht nicht.

Wer in Facebook ist, bekommt tägliche Nachricht.

Ach ja: Heute war unsere Bootsfahrt durch die Kanäle und Seen nördlich von Murighiol – fantastisch. Aber später mehr …

Veröffentlicht unter Donau, RO, Rumänien, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019 (4), 16. Tag: Tulcea – Murighiol

Sonntag, 01.09.2019, 14:38:39 :: Murighiol, Hotel »Laguna Albastra«

Wir sind nun also da, wo wir schon letztes Jahr sein wollten: Am anderen Ende der Donau, nachdem wir im Mai endlich die Donauquellen im Schwarzwald erkundet hatten. Das ist aber eine andere Geschichte, die es wert ist, getrennt erzählt zu werden. Ein paar Fotos samt Erläuterungen sollen aber auch hier Platz finden.

Brigach …

… und Breg …

… bringen die Donau zuweg.

Wer welche Quellfluss-Schwester gefälliger präsentiert, das darf sich nun jede/r selbst raussuchen.

Hinein ins Delta

Tulcea verlassen wir jedenfalls am Morgen auf altehrwürdigem Kopfsteinpflaster – welche Gegensätze! Gerade verlassen wir eine pulsierende moderne Stadt, ein hochmodernes Hotel, nun fahren wir durch dörfliches Ambiente – nach nur wenigen hundert Metern.

Die Fahrt ist kurz, von Tulcea hinaus nach Murighiol, dem einzigen grösseren Ort, der mit dem Auto gut erreichbar ist aber möglichst weit im Delta liegt. Die Suche nach einer Unterkunft dauert deutlich länger. Wir bleiben in der »Alabaster-Lagune« hängen, scheint uns die beste Alternative.

Wir haben lange recherchiert und überlegt, denn eigentlich wollen wir ja nach Sulina, dem östlichsten Ort im Delta, dort am rumänischen »Point Zero«, wo die Donau endet und das Schwarze Meer beginnt. Auf der ukrainischen Seite hatte wir diesen Punkt des Kilija-Arms von Wylkowe aus am 15.09.2016 auf einer wunderschönen privaten Spritztour erreicht. Dasselbe wollten wir eigentlich auch auf der rumänischen Seite auf dem Sulina-Arm erleben. Aber eben – siehe oben.

Aber das wird nichts, Sulina erreicht man nur mit der Personenfähre, das Auto müsste dann zwei oder drei Tage irgendwo am Hafen in Tulcea stehen. Das ist uns zu riskant, auch wenn wir das wichtigste Gepäck mit aufs Schiff nehmen würden beziehungsweise ja müssten, wegen Übernachtung und so in Sulina. Ausserdem liegt der Nullpunkt in der Ukraine viel weiter östlich als der bei Sulina, das tröstet uns ein wenig.

Wir entschliessen uns, mit dem Senfle nach Murighiol zu fahren, dort eine Herberge zu suchen und uns eine Privatfahrt durch die Seen und Kanäle des südlichsten der drei Hauptmündungsarme, des Sfântu-Gheorghe-Arms, zu genehmigen. Dass das teuer wird, wissen wir …

Der Herr an der Rezeption bestätigt uns das und organisiert uns die 2 ½-stündige private Rundfahrt – für saftige 80 €, denn der zuständige Kapitän zu Donau und Schwarzem Meer könnte das Boot mit 8 – 10 Touristen beladen, von jedem 50 Leu kassieren, das sind dann die 400 Leu, die wir nun eben alleine berappen müssen. Morgen früh um 10 Uhr geht’s los …

Übrigens: Die kurze Autofahrt ins Delta ist erhellend und zeigt uns mal wieder deutlich, dass man eine Landschaft einfach gesehen haben muss, GoogleEarth und Bilder hin oder her, um sie zu kennen, zu begreifen, was sie bedeutet, für die Menschen, die hier leben.

Die Strasse führt am südlichen Rand des Deltas nach Südosten, über Steppe und Sandhügel, vorbei an Sonnenblumenfeldern auch hier – nur die Walnussbäume, die werden weniger gegenüber drüben auf der anderen Donauseite in Moldavien.

Und wir sehen wieder viele, mittlerweile aber verlassene Storchnester. Sie fehlten freilich in der Steppe zwischen Balţi und Cahul völlig – Frösche in der Steppe, es wäre mehr als ungewöhnlich.

Wenige Ortschaften, viele Kirchen

Es sind nur wenige Orte, die wir passieren. In Nufăru ist Sonntagsgottesdienst, das Portal ist offen, aber eine die ganze Fläche abdeckende Fliegennetztüre verwehrt ungebetenen Gästen den Zugang; so auch mir mit meinen kurzen Hosen …

Nufăru ist eine Gemeinde im rumänischen Kreis Tulcea, die als kurzlebige antike Hauptstadt der Kiewer Rus, Pereyaslavets [1], bis 1968 Prislav genannt wurde. Sie besteht aus vier Dörfern: Ilganii de Jos, Malcoci, Nufăru und Victoria (früher Pârlita).

Englische Wikipedia

Sachen gibt’s. Ich wundere mich mal wieder bei der Nachrecherche, wie wenig man doch weiss. Und ich denke, diese Information hat Bedeutung, wenn man Osteuropa verstehen will.

Da kommt der folgende neue Lesestoff von gestern Abend gerade richtig:

Johann Michael Möller: Der Osten –Eine politische Himmelsrichtung

Mit großen Hoffnungen und Erwartungen blickten vor dreißig Jahren die Osteuropäer auf die westliche Welt, und auch der Westen begann, seine östlichen Nachbarn wiederzuentdecken. Heute ist von dieser Aufbruchsstimmung kaum noch etwas zu spüren. Auf beiden Seiten wird inzwischen eher das Trennende als das Verbindende registriert. Sieht der Osten, den man einst mit offenen Armen empfing, überhaupt noch eine positive Zukunft in der Brüsseler Union? Und umgekehrt: Hat der Westen die Geschichte und Prägung Osteuropas jemals ernsthaft zu verstehen versucht?

Verlag zu Klampen, 248 Seiten, € 22,00

Anmerkung von mir: Gibt’s auch für knapp 15 € als eBook.

Wenn ich daran denke, dass wir die letzten Tage durch Gagauzia gefahren sind, dem autonomen Teil Moldawiens und fast nur russische Speisekarten etc. gesehen haben – es ist wirklich höchste Zeit, die Realität zur Kenntnis zu nehmen.

Die Donau …

… bekommen wir dann zuerst in Mahmuda so recht nah zu Gesicht. Eine einladende Bleibe finden wir allerdings nicht.

Erst in Murighiol schlagen wir dann nach einigem hin und her und Zaudern zu, allerdings nur für eine Nacht, morgen früh vor unserem Start auf den Fluss müssen wir unser 2-Zimmer-Apartment räumen.

Der Nachmittag vergeht wie im Flug: Es gibt ein immer gut besuchtes Restaurant, ein Schwimmbad …

Veröffentlicht unter Donau, RO, Rumänien, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019 (4), 1. Tag: Raudondvaris – Korycin (Białystok)

Samstag, 17.08.2019, 20:14:39 :: Korycin, Hotel TRIVENTO
Mittwoch, 21.08.2019, 21:17:08 :: Khmelnitskiy (UA)


Wir fahren hier immer so in ca. 120 m Höhe über N.N.

Wie ist das mit dem Abschied?

Wenn man etwas beherrschen muss als Reisender, dann ist es der Abschied. Die Ankünfte sind nichts, die Abschiede aber reißen die Zeit in zwei Teile: Alles was war, ist vorher, alles was wird, ist nachher. Dazwischen liegt ein ungemütlicher Ort.

Jörg Dauscher

Der Moment kommt immer. Wir werfen einen letzten Blick auf die riesige Baustelle an der Hauptverkehrsstrasse nach Utena, auf die wir gleich in der Gegenrichtung nach Süden fahren werden.

Hier entsteht ein Fussgängerüberweg, der auch für Rollstuhlfahrer passierbar sein soll, da man eine Ampelanlage, die wegen der zu- und abführenden Seitenstrasse eh‘ kommen muss, wohl scheut. Wir werden es in zwei, drei Jahren sehen …

Wir durchqueren den nordwestlichen Aussenbezirk von Vilnius und staunen über das was so ständig an Riesengebäuden hinzu kommt.

Und wir konzentrieren uns mächtig darauf, uns nicht – wie meist – zu verfahren, was auch nach Jahren nicht ausgeschlossen ist.


Wer sich hier verfährt, braucht sich nicht zu schämen

So oft wir diese Strecke schon gefahren sind in den letzten fast zwei Jahrzehnten: Es liegt doch jedesmal wieder eine Überraschung bereit.

Varėna

Wenn man allerdings Neues gezielt sucht, dann kann das zuweilen enttäuschend sein. Wir denken heute, es wäre an der Zeit sich Alt- und Neu-Varėna anzusehen, die man irgendwie immer am Strassenrand liegen lässt.

Aber der Abstecher von über 10 km war’s nur insofern wert, als wir jetzt wissen, dass da nicht viel ist. Ok, der See, der schon …

Was uns natürlich auch immer wieder begeistert, sind die vielen Holzskulpturen am Weg – man will sie nicht immer wieder alle fotografieren.

Merkinė

In Merkinė hingegen stossen wir auf ein Strassenfest. Ein Bühne ist aufgebaut, auf der Musikanten und Chor die typischen litauischen Lieder spielen und singen, derweil einige Paare sich zum Tanz einfinden.

In den Buden wird allerhand angeboten, Stoffe zum Beispiel, aber auch Produkte aus lokaler Produktion.

Das Landeskundliche und Genozidmuseum

1595 wurde das Rathaus urkundlich erwähnt. 1885 wurde das Rathaus zerstört und eine russische Kirche gebaut. Das heutige Landeskundliche und Genozidmuseum Merkinė (Merkinės kraštotyros ir genocido muziejus) ist an diesem Platz gebaut worden.

Wikipedia

Soll wohl heissen, dass das Museum heute in den Mauern dieser russischen Kirche untergebracht ist.

Das Gebäude mitten auf dem Platz, das wir seit Jahren ”einfach nur“ für die örtliche Kirche hielten, entpuppt sich als die 1885 erbaute ehemalige russische Kirche, die an der Stelle des ehemaligen Rathauses erbaut wurde.

Heute beherbergt das Kirchengebäude das Landeskundliche und Genozidmuseum Merkinė und ist offen, so dass wir bewundern und erschrocken staunen, was an einem derartig kleine Ort alles zusammen kommen kann.

Neben dem Modell des alten Rathauses (»rotušė« auf litauisch!) ist das Werk über das Magdeburger Stadtrecht interessant, denn es spielt immer wieder eine grosse Rolle bei der Entwicklung der Siedlungen, die zu Städten erhoben wurden, so auch Merkinė 1556.

Und wenn man Wikipedia folgt, so hat das Leben der örtlichen Juden auch hier im Sommer und Herbst 1941 ein jähes und grässliches Ende gefunden – nicht zuletzt auch unter tätige Mithilfe von Litauern. Damit ist die Schwere deutscher Verantwortung nicht relativiert, aber dieses generelle Thema stösst auch heute in Litauen immer noch auf erbitterten Widerspruch, ein wirkliche Aufarbeitung hat hier wie auch in Polen nicht überall und umfassend stattgefunden.

So möchte wohl auch der Herr mit den künstlichen Schläfenlocken auf diese Umstände hinweisen, indem er Flugblätter verteilt.

Memelbrücke und Burgberg

Die Brücke über die Memel soll trotz früherer Nennung nicht unerwähnt bleiben, ebenso der Burgberg (auch hier).

Weiteres Anhalten verkneifen wir uns, wir wollen möglichst bald in Augustów sein, um einen Hotelzimmer zu ergattern. Die Stadt ist Touristenschwerpunkt hier oben.

Der Hinweis auf die ausgedehnten Felder mit Buchweizen soll dennoch daran erinnern, dass er hier oben immer noch eine wichtige Nahrungsquelle darstellt.

Touristengruppen mit geführten Radwanderungen trifft man immer öfter.

Und wenn man an einem Samstag hier draussen auf dem Land dann doch eine Vesperpause einlegen möchte, dann hat man Pech: Hochzeit, ausgebucht, keine Kapazität für andere Gäste. Aber schön wär’s hier gewesen.

Augustów

Und auch das war zu befürchten: Die Stadt quillt über. Es gibt kein Bett für uns, dafür viel Trubel, sodass es uns leicht fällt, zunächst einfach weiter zu fahren. In Korycin finden wir dieses nette Hotel eines quirligen Gastwirtpaares, das Zimmer für 28 € o.F..

Am Nebentisch sitzt eine Familie mit Tochter aus Süddeutschland, die Mutter ist offensichtlich gebürtige Polin. So haben wir doch interessante Unterhaltung, denn die Wirtsfrau spricht nur polnisch, ihr Mann leidlich Englisch.

Korycin liegt an einem See samt Park und nennt eine Windmühle sein eigen. Dazu morgen mehr.

Google Fotos

Veröffentlicht unter Litauen, LT, PL, Polen, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019 (4): Bald geht’s wieder los

Montag, 12.08.2019, 16:12:42 :: Raudondvaris

Bald ist es soweit: Wir werden am Samstag, 17.8.2019 zur 4. Etappe aufbrechen, die uns von Litauen ans Schwarze Meer bringen soll, genauer gesagt an die Donaumündung, den »Point Zero« der Donau auf der rumänischen Seite. Die ukrainische Seite kennen wir ja schon.

Also:

Vieles ist nicht neu, aber es ist ja auch immer interessant, was sich im Laufe vieler Jahre ändert, teilweise sind es ja über zehn Jahre …

Neu in jedem Fall sind auf dem Weg Treblinka und Bełżec. Und falls sich jemand fragt, ob dass denn sein muss: Ich bin der Ansicht JA.

Das sind dann ca. 16 Tage. Von Tulcea geht es dann ins Delta. Aber wie das so ist mit Plänen – wir werde sehen. Irgendwie werden wir uns hoffentlich durchwurschteln. Bisher ging ja auch alles gut.

Veröffentlicht unter Litauen, LT, MD, Moldawien, PL, Polen, RO, Rumänien, RundEuropa, RundEuropa2019, UA, Ukraine | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019 (3), 10. und 11. Tag: Antažiegė/Dusetos

Mittwoch, 31.07.2019 bis Freitag, 02.08.2019 :: Antažiegė/Dusetos (litauisch), hier Wikipedia

Uunsere erste Nacht im ersten Stock über Violetas Atelier ist uns sehr gut bekommen, entgegen den Befürchtungen von Violeta und Virgis, die nicht sicher sind, ob wir beide nicht zu »zivilgeschädigt« sind, um mit einfachen Verhältnissen klar zu kommen.

Wir kennen uns gegenseitig eben noch zu wenig. Aber das wird sich ändern. Wir fühlen uns hier sauwohl.

Der grosse See lädt zum Bade, auch wenn die Temperatur nicht danach ist. Das Wasser ist wärmer als die Aussenluft. Und so »hängen« wir in angenehmem, sehr klarem braunem Wasser und lassen die Blicke schweifen: Wald, Schilf, an den anderen Seiten des Sees blinzelt zuweilen ein Haus durch die Bäume, einen weiteren Steg machen wir auch aus, aber sonst? Stille, bis auf Vögel natürlich.

Fische gibt es hier, gestern Abend frisch gefangen und zubereitet, Krebse auch. Aber beides ist eben nicht mein Geschmack. Pech gehabt …

Das Grundstück der beiden ist riesig und macht sehr viel Arbeit, eher zu viel. Es gibt tausend Sachen zu entdecken, Natur und Kunst zu gleichen Teilen, aber beides in Hülle und Fülle.

Die alte Scheune hat sich auf einer Seite gesenkt und droht, einzustürzen. Also muss sie auf dieser Seite freigeräumt werden um sie dann so zu heben und zu stabilisieren, dass sie weiter genutzt werden kann.

Der kleinere See gegenüber ist künstlich angelegt, um zu vermeiden, dass das speisende Flüsschen immer wieder das Anwesen überschwemmt; dafür hat er aber zwei Inseln. Dort wohnen Bieber, die wir aber nicht zu Gesicht bekommen; die Abende sind zu kühl, um am Ufer zu sitzen, etwas zu trinken und sie zu beobachten.

Das Storchennest ist noch von einem Kind belegt, wie ich gestern schon schrieb, das nicht so recht fliegen mag, aber energisch nach Futter quietscht und fiept. Zwei Tage zuvor landete er beim ersten Flugversuch zunächst auf dem Platz zwischen den Häusern, schaffte es von da zunächst aufs Vordach des Wohnhauses und von dort später doch wieder hinauf aufs Nest. Da sitzt, liegt und steht er nun und wartet auf die Eltern mit Futter. Er muss bald fit sein für die Reise nach Afrika, denn der Sommer scheint hier gelaufen, es ist kalt.

Immer mal wieder am Folgetag nimmt das Kind einen neuen Anlauf. Bevor wir weiterfahren, scheint es flugtauglich.

Trödelmarkt

Wir schliessen uns Violeta und Virgis an, die nach Dusetos fahren, um einzukaufen. Mittwochs ist Trödelmarkt, wie es sie überall in Osteuropa gibt, Quelle für alles, was man so braucht, Klamotten zu Spottpreisen, Ersatzteile, Werkzeuge, aber auch Gemüse, Honig, Fleisch, Speck und Würste.

Lis erwirbt eine Hose für 5 € und später noch einen Wohnpullover für 15 €. Violette ist derweil um das leibliche wohl besorgt und ich interessiere mich eher für den Speckstand. Ein grosse Stück Speck bekommen wir dann geschenkt – Sonderration für die vokiečiai, wörtlich die »Helmträger«, wie die Deutschen auf Litauisch heissen; das schmeckt historisch …

Kunstgalerie

Danach werden wir ins Kulturhaus mit Galerie geführt. Dort wartet eine grosse und beeindruckende Ausstellung von Gemälden, Skulpturen und Installationen.

Ist Dusetos eine Künstlerkolonie? Man könnte es meinen. Aber Virgis winkt ab – noch zu wenige, die sich hier niederlassen, als Besucher kommen mehr.

Neben der Ausstellung beherbergt das Kulturhaus eine Bibliothek und – Überraschung! – einen richtig grossen geschmackvollen Veranstaltungssaal.

Ja, es ist sehr kühl. Wer Bewegung durch Arbeit hat, merkt das nicht so. Aber ich, der ich viel sitze, Bilder ordne und bearbeite und am Reiseblog schreibe, mir zieht die Kälte in die Knochen. Am Ende sitze ich da mit zwei Pullovern und zwei Fleecejacken und einer Fleecedecke über den Knien … Wenn’s mir nach Bewegung wäre, regnet es.

Aber am zweiten Tag ist dann doch Ruderwetter und wir kreuzen über den See.

Man spürt förmlich, wer den Takt vorgibt …

Und wir verstehen, warum die Zwei hier seit ca. fünfzehn Jahren leben, das alles gekauft und gestaltet haben. Die Ruhe, für Virgis auch das Material für seine Skulpturen und Stühle …

Lis meint nach einigen Tagen, sie wolle zurück in den Wald, eine Hütte an einem See würde ihr reichen. Und sie hat recht.

Wie schmalzte Heidi Brühl in »Annie get your Gun« in den Sechzigern? Ich habe das Musical damals in Berlin gesehen und es kommt mir eben das Lied in den Sinn:

»Im Wald versteckt, wo kein Kuckuck sie entdeckt …«

Wer’s ertragen kann – anhören.

Unsere Gastgeber

Nun wird es auch Zeit, unsere Gastgeber, Violeta Gasparaitis und Virgilijus Gasparaitis, vorzustellen.

Violeta Gasparaitis stammt aus Vilnius.

1981 absolvierte sie das Litauische Staatliche Kunstinstitut (heute Kunstakademie Vilnius), Schwerpunkt Keramik. 1981 zog es sie nach Leipzig.

Seit 1984 hatte sie Ausstellungen in der Kunsthalle Kunst der Zeit Leipzig, organisierte Einzelausstellungen in Altenburg und Halle, später Essen, und zuletzt 2015 wieder in Leipzig.

Aktuell und in den Jahren zuvor erstehen hier im Wald Keramikskulpturen und viele Gemälde.

Virgilijus Gasparaitis stammt aus Šiauliai. Seit 1964 lebte er in Leipzig. Nach einem Studium an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften in Leipzig begann er 1984 zusammen mit seiner Frau Violeta Holzskulpturen und Keramiken zu gestalten.

1999 kehrten sie nach Litauen zurück und traten der Kunstgalerie Dusetos bei. Heute nimmt er aktiv an Ausstellungen internationaler Künstler teil und organisiert internationale Workshops. 2014 organisierte er eine Einzelausstellung im Regionalen Museum von Zarasai und in der Galerie Dusetos.

Beide leben sie also hier im Dorf Antažiegė bei Dusetos. Wobei das Wort „Dorf“ immer nur bedeutet, dass es ein paar verstreut Häuser gibt, irgendwo im Wald und zwischen Seen.

Übrigens: Der Sartai-See, an dem Dusetos liegt, verfügt mit etwa 79 km über die längste Uferlinie eines litauischen Sees. Unser Badesee hier ist allerdings deutlich kleiner.


Und irgendwo hier sind wir …


Google Fotos

Veröffentlicht unter Litauen, LT, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Die Verantwortungslüge

Der Originalartikel wurde bei Rubikon unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert und veröffentlicht.


Der Neoliberalismus missbraucht unser Verantwortungsgefühl, um uns die Schuld für sein Versagen aufzuhalsen.

von Roland Rottenfußer

„Es liegt an dir“, hören wir landauf, landab. Oder: „Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Das klingt so gut und ist so gut gemeint, dass sich sehr viele den Schuh anziehen und sich mit Schuldgefühlen plagen. Unser Verantwortungsbereich scheint immer mehr zu wachsen, während durch die autoritäre Politik der Mächtigen unser tatsächlicher Einfluss nach und nach schrumpft. Der Einzelne wird dazu angehalten, durch ethische Konsumentscheidungen auf eigene Kosten die Fehler von Politik und Wirtschaft zu korrigieren. Von „Eigenverantwortung“ wird immer dann gesprochen, wenn sich die Institutionen aus der Verantwortung zurückziehen. Und wenn sie uns eine Verschlimmerung unserer Situation aufzwingen wollen. Somit ist Eigenverantwortung heutzutage vor allem das Lieblingswort der Verantwortungslosen.

Die Verantwortungslüge

„Ein bisschen Eigenverantwortung finde ich schon richtig“, sagte mein Zahnarzt, als er mir die hohe Rechnung präsentierte. Meine Krankenkasse würde davon keinen Cent übernehmen. Auch der ehemalige FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle forderte mehr Eigenverantwortung. Für die Pflegeversicherung solle — wie schon bei der Rente — jeder selbst vorsorgen. Auf dem Arbeitsmarkt gilt schon längst: „Fördern und Fordern“. Der geringe Hartz IV-Satz soll „die Eigenverantwortung des Leistungsempfängers stärken“.

Das hört sich gut an. Scheinbar steht dahinter das Ideal einer autonomen Persönlichkeit. Man befreit sich aus Abhängigkeiten und trifft für sein Leben Entscheidungen. Geht es schief, trägt man dafür die Verantwortung. Ich bin gerührt, dass sich Menschen wie Brüderle und mein Zahnarzt so für meine Entwicklung zu einer reifen Persönlichkeit engagieren.

Haben wir es uns bisher etwa zu leicht gemacht? Angela Merkel jedenfalls wirft uns vor: „Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt.“ Prinz Charles setzt eins drauf: „Wir zerstören die Klimaanlage unseres Planeten.“ Dirk Fleck, Autor eines Ökothrillers, nennt uns pauschal die „Tätergeneration“. Wir zerstören mit unserer Art zu leben und zu wirtschaften die Lebensgrundlagen unserer Nachkommen. Das bedrückt mich umso mehr, als ich ja schon von Geburt an dem Tätervolk (Deutschland) und dem Tätergeschlecht (Männer) angehöre. Erdrückend viel Schuld für einen eigentlich ziemlich harmlos wirkenden Typen. Ich schlafe in letzter Zeit schlecht.

Schuld sind immer wir

Die drastische und pauschale Zuschreibung von Verantwortung an die breite Masse, an Sie und mich, ist heute gängige Rhetorik. Wenn ich eine bessere Welt will, fange ich mit der Veränderung bei mir selbst an. Eigentlich könnte man sich ja darüber freuen, dass Verantwortung so ein Zeitgeist-Thema geworden ist. Und es gibt echte Verantwortung und echte Schuld. Ich wehre mich aber entschieden gegen Übertreibungen und den Missbrauch des Begriffs „Eigenverantwortung“.

Beispiel Zahnarzt: Ich putze meine Zähne so gut, dass der Zahnarzt seit vielen Jahren nichts zu meckern hat. Obendrein gehe ich regelmäßig zur Vorsorge. Ich bin meiner Verantwortung also beispielhaft nachgekommen. Die Prophylaxe zahle ich trotzdem aus eigener Tasche, zuzüglich Praxisgebühr. Eine Art Geldstrafe für vernünftiges Verhalten.

Beispiel Glühbirnen: Es wird so getan, als ob in der Verwendung der richtigen Glühbirne der Dreh- und Angelpunkt für die Rettung der Welt läge. Die Wahrheit ist: Nur etwa ein Zehntel des CO2-Ausstoßes entfällt überhaupt auf Privathaushalte, davon circa ein Zwanzigstel auf Beleuchtung, also ein Zweihundertstel. Und von den großen Energienutzern, zum Beispiel der Atomindustrie, werden gewaltige Mengen CO2 sinnlos in die Luft geblasen. Für Hans Arpke, Energieexperte aus Weilheim, geht die Verantwortung des Endverbrauchers in Sachen Licht gegen Null: „Glühbirnen alten Typs geben Wärme ab. Wenn sie durch temperaturneutrale Energiesparlampen ersetzt werden, könnte der Verbraucher dies im Winter kompensieren, indem er die Heizung weiter aufdreht.“

Beispiel „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“: Tatsache ist, dass immer mehr Menschen unter die Armutsgrenze gedrückt werden. Die Prasser sind vor allem die reichsten zehn Prozent. Und die Politik tut alles, um deren Riesenvermögen noch weiter anschwellen zu lassen.

Beispiel Friedenspolitik: Hier herrscht oft eine Eigenverantwortungsmentalität, die zu kurz greift. Spirituelle Menschen argumentieren: „Der Friede beginnt in dir“. Der Friede im eigenen Herzen hat aber mit dem Weltfrieden nur am Rande zu tun. Er muss nach außen getragen werden, um gesellschaftliche Realität zu werden. Der Friedenspsychologe Professor Gert Sommer mahnt politisches Engagement an: „Mit sich selbst im Frieden zu sein ist auch schön. Aber selbst wenn 99 Prozent der Weltbevölkerung im Frieden sind und 1 Prozent ist es nicht, dann reicht das völlig aus, um Kriege zu führen.“

Beispiel Fairtrade-Produkte: Hier kann der Käufer tatsächlich etwas tun, allerdings mit Einschränkungen. Erstens wird ihm ethisch richtiges Handeln durch den Preis erschwert. Wohlmeinende zahlen eine Art Ethik-Strafgebühr. Zweitens verschleiern die Großhändler bewusst die unfairen Herstellungsbedingungen bei den meisten Überseeprodukten. Gleichzeitig werden die Verbraucher durch massive Werbekampagnen ständig zur Bedenkenlosigkeit verführt. Es braucht viel Zeit- und Energieaufwand, um informiert zu sein und Fehlentscheidungen auszuschließen. Die Frage ist also: Warum kaufen mächtige Multis nicht zum vornherein nur faire Produkte ein? Oder warum verbietet der Staat nicht einfach den unfairen Handel?

„Verantwortlich“ im Kleinen, machtlos im Großen

Der Endverbraucher soll also die Fehler kompensieren, die vorher von großen, mächtigen Organisationen begangen wurden.

Es findet eine Art Crowdsourcing des Verantwortungsgefühls statt. Der wohlmeinende Verbraucher lädt das ganze Elend der Welt auf sein Gewissen: „Wenn ich korrekt einkaufe, gibt es keine Ausbeutung mehr“. Dies könnte ein Fehlschluss sein.

Die wesentlichen Probleme können nur durch Strukturveränderung und politische Entscheidungen im Großen gelöst werden. Naheliegend wäre es zum Beispiel, die Gewinnspanne der Aldi-Brüder bzw. ihrer Erben (Vermögen geschätzte 34 Milliarden) drastisch zu reduzieren. Das Geld könnte eingesetzt werden, um Herstellern fairere Preise zu bezahlen. Auch müsste die Gewinnabschöpfung durch Personen verhindert werden, die keine Eigenleistung erbringen (Aktionäre).

Innerhalb des alten Systems erleben wir jedoch immer wieder das alte Spiel: Arbeiter und Endverbraucher sollen das kleine Stück vom Kuchen unter sich aufteilen, das die Abzocker übrig lassen. Der österreichische Sachbuchautor Christian Felber sieht dahinter ein perfides System:

„Wir werden vom eigentlichen Platz des politischen Geschehens ferngehalten und in die Supermärkte gelotst, wo wir unsere demokratische Verantwortung ausleben sollen, in einem zugewiesenen Reservat der Wahlfreiheit als Ersatz für echte Demokratie.“

Felber trifft den Kern: Die Bürger werden von wichtigen Entscheidungen systematisch ausgeschlossen. Zum Beispiel durch die Verweigerung direkter Demokratie (außer in der Schweiz) und durch Verlagerung von Entscheidungen auf die EU-Ebene. Gleichzeitig sollen wir uns „immer verantwortlicher“ fühlen.

Kampfbegriff der Unverantwortlichen

Mit Blick auf die von Staat und eingebetteten Medien lancierten Kampagnen kann man feststellen: Eigenverantwortung wird immer dann angemahnt, wenn uns jemand dazu zwingen will, Verschlechterungen unserer Lebenssituation hinzunehmen. Jeder Widerstand wäre ja dann gleichbedeutend mit der Regression auf ein unreifes Entwicklungsstadium. Eigenverantwortung wird von denen angemahnt, die sich aus der Verantwortung zurückziehen wollen, obwohl sie gut dafür bezahlt werden, diese zu tragen. Ein Beispiel: Bei der „Bankenrettung“ 2008 wurde klar, dass Banken zwar ungeniert mit Milliardensummen zockten, aber nicht einsahen, warum sie die Verluste selbst tragen sollten. Dafür hat man ja den Steuerzahler. „Eigenverantwortung“ ist heute vor allem der Kampfbegriff der Unverantwortlichen.

Unsere Verantwortung steht und fällt mit unserem realen Einfluss auf das Geschehen. Der ist oft kleiner als wir denken. Deshalb greifen auch wohlmeinende Appelle aus der Aktivistenszene oft zu kurz. So lesen wir im Webmagazin „Sein“, „dass ein Wandel nicht durch politischen Widerstand und Gewalt erzeugt werden kann, sondern bei jedem Einzelnen beginnt, in jeder einzelnen Entscheidung, die wir jeden Tag treffen.“ Schade, dass der Autor mit der Gewalt gleich auch den Widerstand entsorgt hat. Die Machthaber können sich nur freuen, dass solche Halbwahrheiten im Volk kursieren. Sie müssen dann nur noch unseren Entscheidungsspielraum auf ein für sie ungefährliches Maß verkleinern — und genau das geschieht.

Gefährlicher „Zuständigkeitsburnout“

Das Energie- und Zeitbudget des Menschen ist begrenzt, sein Verantwortungsbereich dagegen potenziell unbegrenzt. Besonders problematisch ist der Satz: „Wer zuschaut, ist mitschuldig“. Er führt, wörtlich genommen, sehr schnell zu einem „Zuständigkeitsburnout“. Natürlich sollte man, wenn einer gerade ertrinkt, nicht am Ufer stehen bleiben — man sollte hineinhüpfen und ihn retten. Wer sich allerdings für den ganzen Globus zuständig fühlt, kommt schnell an seine Grenzen. Das neoliberale Menschenbild zieht eine Negativspirale nach sich: Da sich das Kollektiv zunehmend weigert, Verantwortung für uns zu übernehmen, sind wir dauernd damit beschäftigt, für uns selbst zu sorgen. In der Folge haben wir nicht mehr die Kraft, Verantwortung für das Kollektiv zu übernehmen.

Appelle an unser Verantwortungsgefühl suggerieren, dass unser Zuständigkeitsbereich beliebig ausweitbar wäre. Richtig ist, dass unser Einfluss begrenzt wachsen kann, solange wir die Zeche für ethisches Verhalten selbst zahlen (Beispiel Fairtrade). Schwieriger wird es, wenn unser Handeln massiv Herrschaftsinteressen berührt.

Ein Beispiel sind die Komplementär- oder Regionalwährungen. Wenn sie dem System der Kontrolle über das Geldwesen gefährlich werden, könnten sie von heute auf morgen verboten werden. So geschah es beim berühmten Geldexperiment von Wörgl von 1932. Wenn so etwas nicht geschehen soll, müssen die Machtzentralen mit integeren Leuten besetzt werden — oder die Macht der Zentralen muss insgesamt zurückgedrängt werden.

Schuldgefühle machen klein

Es stellt sich die Frage, wie es möglich war, Verantwortung so massiv auf den „einfachen Bürger“ abzuwälzen. Zunächst ist der Verantwortungstransfer natürlich eine psychische Selbstentlastung der wirklich Mächtigen. Gerhard Polt spottet in seinem Sketch „Der Verantwortungsnehmer“: „Das kann man doch dem Minister doch nicht bloß deshalb anlasten, weil er es veranlasst hat.“ Zweitens sollen natürlich die finanziellen Nachteile verantwortlichen Handelns auf uns verschoben werden. Mir erscheint aber noch ein dritter Grund wichtig: Die dunkle Schwester der Verantwortung ist die Schuld. Und mit Schuldgefühlen kann man Menschen manipulieren.

Wer Verantwortung übernimmt, ohne entsprechende Einflussmöglichkeiten zu haben, wird sich schnell als Versager fühlen. Schuldgefühle lähmen, machen uns klein und lassen uns glauben, wir hätten eine Besserung der Verhältnisse gar nicht verdient.

Der US-amerikanische Bürgerrechtler Noam Chomsky schreibt: „Die Menschheit soll denken, sie sei wegen zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldige ihres Nicht-Erfolgs. Das ‚System’ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei, und mindert damit sein Selbstwertgefühl.“

Warum übernehmen viele Menschen die Verantwortung, die ihnen zugeschoben wird, scheinbar bereitwillig? Ich vermute, dahinter steht der Wunsch, sich mächtig zu fühlen. Der König im Buch „Der kleine Prinz“ befiehlt allmorgendlich der Sonne, aufzugehen. Abends befiehlt er ihr dann wieder, unterzugehen. Und siehe da: Sie gehorcht. Auch in der Esoterik ist es üblich, dem Individuum die Urheberschaft an allem zuzuschreiben („Ich bin Schöpfer meiner Realität“). Ich sehe darin eine Abwehr von Machtlosigkeitsgefühlen, die als unerträglich erlebt werden. Die Größenfantasien sprießen in dem Maß, wie unsere tatsächlichen Gestaltungsmöglichkeiten durch die Institutionen zurückgedrängt werden.

„Ent-schuldigt euch!“

Möchte ich mich etwa selbst vor Verantwortung drücken? Ich versuche, uns alle von falschen Selbstvorwürfen zu entlasten. Dafür muss ich uns aber mit einer Verantwortung belasten, die meist gar nicht als solche erkannt wird: Sie besteht darin, die bestehenden Machtstrukturen anzugreifen und zu stürzen. Die Kräfte also, die darüber entscheiden, dass unsere Steuergelder in Kriegsgerät fließen. Jene, die bestimmen, dass das Volk Geld nur als Schuldgeld von Privatbanken beziehen kann. Jene, die das Geld in einem wahnwitzigen legalen Raubzug ständig von unten nach oben pumpen.

Wir müssen handeln. Nicht weil wir schuld daran sind, dass die mies bezahlten Arbeiter in den Bananenplantagen an den Spritzmitteln ersticken, sondern damit eine Welt entsteht, in der dies nicht mehr geschehen kann.

Zwischen „weil“ und „damit“ besteht ein großer Unterschied, wie Noam Chomsky gezeigt hat: Fühlen wir uns als Versager, macht uns das depressiv und antriebsschwach. Fühlen wir uns dagegen als wertvolle Menschen, deren Würde von Machtkartellen verletzt wurde, werden wir selbstbewusst unser Recht einfordern. Wer die Verantwortung für alles übernimmt, neigt zur Nabelschau, anstatt an der Umwälzung der Verhältnisse zu arbeiten.

Jenseits der Größenfantasien

Dies ist kein Aufruf, die „kleinen Schritte“ zu einem anständigeren Leben zu unterlassen. Ich finde es wichtig, zum Beispiel unnötige Autofahrten zu unterlassen und fair gehandelten Orangensaft zu kaufen. Aber diese Dinge sollten nebenbei geschehen und allmählich in Fleisch und Blut übergehen. Das Leben des politisch erwachten Menschen sollte so organisiert sein, dass noch Kraft für die großen Kämpfe übrig bleibt.

Das kann bedeuten, auf die Strasse zu gehen, Plätze zu besetzen und Banken zu umzingeln. Das kann bedeuten, bei Regen und Kälte draußen zu stehen und durch die bedrohlichen Spaliere hochgerüsteter Polizisten zu marschieren. Das kann auch bedeuten, den Ungehorsam zu proben und dafür negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es so beliebt ist, zu sagen: „Ich fange lieber mit kleinen Veränderungen bei mir selbst an“? Es ist einfach bequemer, Fairtrade-Rosen für 3 Euro zu kaufen, als auf die Strasse zu gehen und sich mit der Macht anzulegen. Das erstere verschafft ein wohliges Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Das letztere verursacht Angst, ist riskant. Es ist oft mit Selbstzweifeln verbunden oder bedeutet zähes Ringen mit Mitstreitern um den richtigen Weg. Gerade dies wäre aber wirkliche Eigenverantwortung ohne falsche Schuldgefühle und Größenfantasien. Ja, die Veränderung muss bei jedem Einzelnen anfangen. Aber sie darf nicht dort aufhören. Wir haben Verantwortung, aber sie besteht zunächst darin, zu erkennen, wofür wir nicht verantwortlich sind.


Dieses Werk wurde unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Veröffentlicht unter Kultur + Gesellschaft, Politik | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019 (3), 9. Tag: Jēkabpils – Dusetos

Dienstag, 30.07.2019, 19:14:13 :: Dusetos, tief im Wald, zwischen zwei Seen
Mittwoch, 14.08.2019, 19:44:16 :: Raudondvaris

Wir frühstücken wieder am Katzentisch und machen uns dann auf den Weg. Da wir im Stadtteil Krustpils sind machen wir zuvor noch einen Abstecher zum Schloss.

Jēkabpils/Krustpils: Schloss Kreuzburg

Krustpils (deutsch Kreutzburg) liegt am nördlichen Ufer der Dina und gehörte historisch zu Livland, während das südlich gelegene Jēkabpils zu Kurland gehörte. Heute sind sie beide Teile der Stadt Jēkabpils und die gehört zum heutigen Lettland. Uff, das ist deutlich einfacher aber die historisch geprägten Eigenheiten werden immer wieder deutlich und die Menschen legen auch Wert darauf. Wir werde das gleich noch an einem Beispiel kennenlernen.

2010-07-16, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2010-07-16, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2019-07-30, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2019-07-30, Schloss Kreuzburg in Krustpils

Warum hier zwei sehr ähnliche Fotos? Als wir im Juli 2010 hier waren, machte das Schloss Kreuzburg einen gut renovierten Eindruck. Heute gleich das Gelände eher einem riesigen Bauplatz, im Schlosshof, im Park, daneben und dahinter. Warum, ist für uns nicht erkennbar, wir wechseln die Strassenseite und werfen nochmals einen Blick über die Düna, hinüber nach Jēkabpils, also nach Kurland. Aber lassen wir das.

Der Versuch reizt uns einfach: Wir haben uns für den Weg nach Süden eine möglichst kurze Strecke, abseits der Hauptstrassen ausgesucht, wohl wissend, was das bedeuten könnte. Und es bedeutet genau das: Sandpiste.

In Sala am Dorfweiher unterhalten wir uns noch mit dem Schwanenpaar, das aggressiv seine fünft Kinder verteidigen will, obwohl wir doch nur reden möchten …

Dann aber geht’s auf die Piste. Das Wetter ist nicht gerade sonnig, aber immerhin trocken. Und …

… der Sand liegt zunächst noch in hohen Bergen neben der Strasse, aber bald danach die Warnung …

… und da haben wir sie wieder, die Sandpiste.

Und es kommt uns etwas entgegen …

… und hinterlässt etwas, was uns zu starkem Nachdenken anregt. Die nächsten Stunden immer Fenster auf – Fester zu?

Wir disponieren neu und drehen um. Doch feste Strasse, auch wenn es ein Umweg ist. Und so landen wir in

Rubeni

Was kein schlechter Tausch ist, wie sich alsbald heraus stellt.

Zunächst sind wir nur verwundert über das so herrschaftlich wirkende Gebäude im derart angekündigten Park.

Sowas schauen wir uns natürlich an. Zunächst irren wir umher und schauen uns um.

Lis geht in der Hoffnung auf eine Toilette ins Gebäude.

Als sie wieder heraus kommt, spricht uns eine alte füllige Dame mit Fahrrad und Korb am Lenker an, die gerade vor Lis herausgekommen war.

Warum wir hier sind? Ob wir etwas suchen? fragt sie auf Englisch, mit dem sie sichtlich Schwierigkeiten hat, aber immer lächelnd und freundlich. Ob wir Fragen hätten?

Und sie klärt uns auf über den Park, …

… über Rainis, Lettlands wohl bedeutendsten Dichter, Dramatiker, Übersetzer und Politiker, der hier mit einem Monument geehrt wird.

An einer Gedenkwand mit, wie uns eindringlich versichert wird, alten bedeutende Stoffmustern findet sich auch ein Zitat von Rainis.

Oben stehst du wieder!
Geh den Regenbogenpfad hinunter
Sonne durch die Wolken!

Rainis

Ich vermute stark, dass die Dame mit dem Fahrrad die ehemalige Lehrerin vom Ort ist. Bei weiterem angeregtem Fragen und Antworten erfahren wir von Kindern in Amerika oder Australien und Besuchen in Deutschland. Schliesslich verabschieden wir uns und sehen sie dann, wie sie mühsam und langsam ihr Fahrrad die leicht ansteigende Strasse hochschiebt.

Die Kirche von Rubeni

Tage später beim Recherchieren bekomme ich einen Bezug zur Kirche, die wir aus Routine im Vorbeifahren abgelichtet haben.

Sie ist wohl das Ergebnis der Renovierung der Pfarrkirche in Rubeni zu sein.

Auf dieser Webseite ist der Artikel Der Wallfahrtsort Aglona und die Geschichte von Latgalien verlinkt, der Klarheit schafft, weshalb hier eine katholische Kirche steht, mitten im ansonsten lutherischen Lettland:

Lettland gilt bis heute als ein evangelisches Land. Protestantisch waren seit der Reformation die Baltendeutschen und die einheimischen Letten und Liven. Doch neben Hunderttausenden von zugewanderten orthodoxen Russen gibt es in Lettland auch 400.000 Katholiken. Erzbistum und Sitz einer Kirchenprovinz ist die Hauptstadt Riga, wo dem Erzbischof und Kardinal die Suffraganbistümer Liebau (Liepaja), Mitau (Jelgava) und Rositten-Aglona (Rezekne-Aglona). unterstehen. Das Bistum Riga wurde bereits 1918 wiedererrichtet, und zwar vom Nuntius in Polen, Achille Ratti, der später als Papst Pius XI. Riga zum Erzbistum erhob und ihm das neue Bistum Liebau unterstellte. Erst nach der erneuten Unabhängigkeit Lettlands 1991 kamen die Bistümer Mitau und Aglona-Rositten dazu. Die vier Diözesen entsprechen den historischen Provinzen Lettlands. Aber wer kennt heute noch Livland und Kurland? Die Liven sind fast ausgestorben. Einige Hunderte sprechen noch Livisch, das keine baltische, sondern eine finno-ugrische Sprache ist. Kurland war einst ein eigenes Herzogtum, das erst 1795 völlig unter russische Herrschaft fiel. Seine Hauptstadt Mitau heißt heute Jelgava. Rositten im Osten Lettlands trägt heute den Namen Rezekne. Den Doppelnamen Aglona-Rositten verdankt die Diözese dem marianischen Zentrum des Landes Aglona in Latgalien. Dieser Teil Lettlands war bis zur letzten Teilung Polens polnisch und daher katholisch. Hier entwickelte der lettische Stamm der Latgalen oder Lettgaller eine eigene Identität, ja mit dem Latgalischen sogar eine eigene, wenn auch von Lettischen nur geringfügig unterschiedene Sprache.

Der Wallfahrtsort Aglona und die Geschichte von Latgalien

Und aus diesem Artikel erfahre ich auch von der Bedeutung des morgigen Tages, dem 15. August. Mariä Himmelfahrt ist auch hier im Südosten Lettlands ein wichtiger Feiertag mit über 100.000 Wallfahrern.

Link:

Soviel zu den Folgen einer Staubwolke.

Litauen erreichen wir über eine unspektakuläre Grenze.

Die Windmühle und Kirche von Obeliai, 15 km vor Rokiškis, erregen bei mir ein gewisses Aufsehen: Obeliai ist eine Stadt mit gerade einmal etwas über 1000 Einwohnern. Und dann diese Kirche …

Dann aber

Rokiškis

Zunächst besuchen wir die unscheinbare in einem Wohngebiet verborgene Orthodoxe Kirche, die in einer Symbiose mit der Wohnung des Priesters zu leben scheint.

Doch dann kommen wir zu der 1868 bis 1883 errichtete Matthäus-Kirche, die als wichtigstes neugotisches Bauwerk Litauens gilt, widmen. Leider wird im Hauptschiff der Boden renoviert, so dass Vieles unter schwarzen Plastikplanen versteckt ist.

Ein riesiger Platz, ein martialisches Monument und ein gigantisches Backsteingebäude mit danebenlieget Taufkapelle – so jedenfalls unser Eindruck, der uns an Italien erinnert.

Weitere sehr schöne und informative Bilder in Google Fotos.

Nach einem kleinen Imbiss, in einem noch kleinere Lokal am Rande des Platzes …

… fahre ich mit der Osterhäsin zum

wirklich letzten Struvepunkt bei Rokiškes

Diesen weiteren Umweg erzwingt der Besuch des nun wirklich letzten, diesmal litauischen, Struvepunktes.

Litauen hat die Präsentation seine Punkte standardisiert, stelle ich fest, nachdem ich nun auch den letzten kennenlerne.

Alles ist sehr ordentlich, nur die Infotafel, sie könnte eine Renovierung dringend gebrauchen.

Nun geht es aber endlich in die Wälder von Dusetos (gesprochen „Dúsetos“), wo uns ein befreundetes Künstlerehepaar erwartet, das wir von drei Jahren in Zarasai leider nur kurz kennen gelernt haben.

2016-08-11, Zarasai

Wir hatten damals versprochen, dass wir wieder kommen, heute also.

Aber wer nun glaubt, von weiteren Kirchen verschont zu bleiben – noch ist es nicht soweit. Auch Dusetos hat eine sehr schöne solche.

Und solange wir darauf warten, abgeholt zu werden schauen wir sie uns an. Den Weg zu den beiden in den Wald würde wir alleine mit Sicherheit nicht finden. Soviel sei schon mal verraten.

Und dass es dort ein Storchennest gibt. Mit einem fordernden Jungvogel, der gefüttert werden will aber nicht fliegen mag und gestern eine Bruchlandung auf dem Hof gemacht hat. Aber davon und über die Tage im Wald zwischen zwei herrlichen Seen, mit Klohäuschen im Wald, einer rustikalen Unterkunft, viel Kunst und vielem mehr dann in den nächsten Beiträgen.

Wir gehen noch zusammen einkaufen und sind damit für die nächsten Tage gerüstet. Nach einem gemeinsamen Kaffee richten wir uns ein.

Google Fotos

Veröffentlicht unter Lettland, Litauen, LT, LV, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

* Rund Europa 2019 (3), 8. Tag: Valmiera – Jekabpils

Montag, 29.07.2019, 22:08:03 :: Jekabpils, Hotel Citrus Spa

Eine Fahrt mit bizarren Höhenunterschieden … 😉

Direkt beim Aufstehen und dem ersten Blick aus dem Fenster sehen wir endlich mal eines von Googles Street View Autos, ein in Deutschland nahezu unmögliches Bild.

Der Fahrer hat also wohl auch hier übernachtet. Ja, so sehen sie aus die Geräte, die diese wunderbaren Aufnahmen machen, mit denen man sich in Google Earth und Maps so gut orientieren kann; hilft uns oft sehr – überall, aber natürlich nich in D …

Als wir dann nach dem Frühstück starten wollen, um uns zunächst in Valmiera etwas umzusehen, schaut so aus, …

… kurz zuvor aber noch so:

So bleibt es bei einer rudimentären Stadterkundung. Mehr als im Park an der Gauja ein paar Schritte zu gehen wird es nicht. Die Gauja ist wohl der längste Fluss Lettlands. Sie zu sehen, zu überqueren oder an ihr entlang zu fahren freut uns immer wieder.

Noch ein Blick auf das Kulturzentrum und die mächtige Kirche am Hochufer – dann fahren wir los nach Süden, es macht einfach keinen Spass.

Regen und Sand – am Ende Matsch

Der längst Teil der heutigen Strecke besteht aus Sandstrassen. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens sind sie direkter und damit wesentlich kürzer und zweitens lässt sich ein wichtiges Ziel, das für heute auf dem Programm steht, anders gar nicht erreichen. Ganz abgesehen davon, dass Lettland von allen drei baltischen Ländern wohl noch das längste Sandstrassennetz hat …

Aber sie sind in der Regel gut, ohne allzu viele Querrillen oder gar Schlaglöcher. Is es trocken, staubt’s gewaltig, so dass man bei einem – sehr selten – entgegen kommenden Fahrzeug gut tut, Fenster und Lüftung für eine Weile zu schliessen. Heute regnet es, zunächst verhalten, also keine Gefahr.

Aber irgendwann kann der Sand den Regen nicht mehr aufnehmen, das Senfle beginnt zu schwimmen, besonders in den Kurven.

Die Störche stehen derweil im Nest und warten ab.

Brennholz in Hülle und Fülle …

… aber auch Bauholz gibt es hier genügend; hier baut jemand ein neues Haus um das alte Herum.

Geschwindigkeitsbegrenzungen können wir mit ruhigem Gewissen ignorieren, wir sind froh, auf der Strasse zu bleiben mit 30, 40 km/h.

Aber trotz allem: Die Landschaft ist herrlich und der Regen lässt uns sogar ab und zu aussteigen und den Rundblick geniessen.

Die Häuser am Weg, die Ortschaften sind arm, teils strahlen sie noch immer den sowjetischen Charme aus; das wird sich bei der Wirtschaftslage auch hier draussen noch lange nicht ändern. Ok., teils aber doch.

Und immer neue Überraschungen

Nicht immer sind Hinweisschilder witzig – dieses ist echt hilfreich, denn es kündigt kurz vor unserem ersten Ziel wirklich etwas an.

Trotzdem entgeht uns nicht, dass es hier oben im Baltikum Gäste aus Südamerika gibt, die hier in aller Ruhe im Regen grasen.

Alpakas stammen aus den Anden. Aber sie scheinen sich auch hier wohl zu fühlen.

Geschafft: Ein Struwepunkt

Und dann sind wir nach kurzer Fahrt durch den Schlamm auch an unserem ersten heutigen Ziel, dem Struvepunkt am Sestukalns.

Über den Struvebogen habe ich ja immer wieder geschrieben, seit wir am 26.06.2012 den erste Punkt in Nordschweden ganz zufällig eingesammelt haben – freilich, ohne damals zu wissen, worum es ging. Das ergab dann erst später die Recherche.

Da stand eben einfach dieser Pfahl und wir davor …

Dieser Punkt, vor dem wir nun stehen, liegt im Nachbarland zur »Heimat« des Struvebogens, denn das Observatorium an der Universität von Tartu (oder Dorpat, wer’s gerne auf Deutsch hat) in Estland ist der nördliche Nachbarpunkt und die die Referent-Koordinate des Projekts.

Aber das hier ist nun alles nur der Hinweis auf den wirklichen Messpunkt.

Der liegt, wie fast alle Punkte und soweit möglich, auf einem Hügel, einem Berg oder einem Kirchturm. Hier also irgendwo oben im Wald; der war vor fast 200 Jahren ( die Punktkette wurde von 1816 bis 1852 erstellt) deutlich niedriger.

Und da will ich jetzt hin, in Sandalen durchs nasse Grass, über mir die tropfenden Bäume.

Und dann stehe ich vor der Tafel und dem wahren Messpunkt, so wie schon so oft und immer wieder völlig anders, hier flankiert von Farnen, Moosen und Pilzen. Ich muss die Punkte mal alle in einem Beitrag zusammen bringen, denke ich.

Denn es sind jetzt bald alle, die wir erreichen können, es fehlen die ganz im hohen Norden (wo wir voraussichtlich nich mehr hinkommen werden), die in Belarus (wo es nach wie vor schwierig ist) und – abwarten 😉

Aber es geht ja noch weiter!

Aber wir sind ja noch nicht am Ziel. Das heisst Jekabpils und liegt an der Daugava (Düna) und beherbergt einen – genau, den letzten Struvepunkt.

Es wird besser, der Regen lässt nach und es warten neue Überraschungen, kleine …

… und deutlich grössere.

Schloss Odense in Odziena

Das Herrenhaus Odense (hier die englische Wikipedia mit mehr Informationen, die aber wohl hinfällig sind – eine schnelllebige Zeit, in der wir leben) steht da als stolzes Skelett, zwei Türmen, deren Ecktürmchen von Storchennestern belegt sind.

Ansonsten: Alles verlassen, von wegen Kaufladen, Hotel, Café …

Aber es muss wirklich fürstlich zugegangen sein, damals.

Jekabpils

Band fahren wir über die Düna in den südlichen Teil der Stadt. Schade, dass die Geländer immer so hoch sind, der Verkehr erlaubt kein Halten.

Einschub: Wir waren am 16.07.2010 hier in Jekabpils, ich stelle aber gerade fest, dass es viele Fotos gibt, aber keinen Bericht. Nicht ausser dem sehr sinnigen Spruch:

Manches passiert eben nur, wenn man es tut.

Unser Weg führt uns direkt zum letzten Struvepunkt – in Lettland. Der liegt an der schmalen und leicht verwilderten Vilhelma Strūves iela in einem Park.

Und so kommt auch der Punkt vom Sestukalns nochmals zu Ehren, diese zwei von ehemals sechzehn …

Die Hotel- und Restaurantsuche …

…gestaltet sich dann schon schwieriger, als die Suche nach dem Struvepunkt. Beim Hotel werden wir fündig: »Hotel Citrus Spa« entpuppt sich als Anhänger am privaten Hallenbad der Stadt, ist aber ohne Restaurant, aber sonst ok.

Die Luft im Schwimmbad ist eher die einer Sauna, da verzichten wir auf »Spa«.

Zum Essen empfielt die Touristenkarte wenige aber immerhin einige. Nur diese zu finden, das geht schief, sie sind geschlossen oder aufgegeben.

Wir irren durch die Strassen …

… und beschauen uns die Düna vom Nordufer.

Als wir dann endlich ein modernes Café/Restaurant mit Balkon und freien Tischen finden, erfahren wir, dass wir hier nichts bekommen, frühestens in zwei Stunden – obwohl, wie gesagt, genügend Tische frei sind. Vor dem Lokal spricht uns dann eine Passantin an, und zwar in bestem akzentfreiem Deutsch: Was los sei? Ob sie helfen könne? Wir schildern das Problem, sie spricht mit dem Personal – mit demselben Ergebnis: Kein Essen in diesem Lokal; dabei futtern da an die 10, 15 Menschen …

Sie fragt noch, woher wir kommen und ist erfreut: Sie hat lange in Deutschland gelebt und in Münster studiert.

Wir gehen mit letzter Kraft in den Supermarkt und decken uns ein. Essen gibts dann am Katzentisch im Hotel.

Google Fotos

Veröffentlicht unter Lettland, LV, RundEuropa, RundEuropa2019 | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar